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Zur Umsetzung des Hartz-Papiers
Dieser Text richtet sich an alle, die ihren Lebensunterhalt und vielleicht noch den von Angehörigen über Lohnarbeit finanzieren, und zwar sowohl an jene, die festangestellt vollzeitbeschäftigt sind, wie auch an jene, die sich mit Jobs über Wasser halten und oft nicht wissen, ob es für die Fixkosten (Miete, Versicherungen, Energiekosten, Verpflegung) im aktuellen Monat reichen wird.
Schulbesuchende, Auszubildende und Studierende aufgemerkt! Ihr seid so oder so mitbetroffen. Dass jegliche Ausbildung auf dem Weg in die Privatisierung ist (Stichwort Ausbildungs-Zeit-Wert-Papier, eingeschränkte/abgeschaffte Lernmittelfreiheit, Schulgeld und Studiengebühren) steht auf einem anderen Blatt (dessen Text in Planung ist). Immer mehr von euch werden immer weniger Leistungen wie BAFöG, Lehrgeld, Kindergeld erhalten und deshalb den eigenen Unterhalt mit Lohnarbeit bestreiten müssen. Und - es ist absehbar, wann ihr auf den Arbeitsmarkt geworfen werdet, sei es als arbeitslos, gewohnheitsmäßig weiter jobbend oder gar irgendwo fest angestellt, womöglich sogar Vollzeit.
Da die unsicher Beschäftigten als erste und am schärfsten die Auswirkungen der Hartz-Umsetzung zu spüren bekommen werden, sollten sie besonders genau lesen, was ihnen blüht. Für die höheren Lohngruppen gilt: Euch blüht im Prinzip das Gleiche, bloß dass ihr noch mehr Zeit und vor allem mehr Mittel in Händen habt, etwas dagegen zu tun. Wenn ihr in Gewerkschaften organisiert seid - kümmert euch darum, dass etwas getan wird. Wenn nicht - auch! Und seid solidarisch mit den unsicher Beschäftigten im Niedriglohnsektor, die euch ersetzen sollen, denn was bei ihnen beginnen wird und schon begonnen hat, ist eine Stoßkette von sogenannten Sachzwängen, die uns die Hartzkommission präsentiert hat, und die früher oder später auch euch erreichen wird. Die Umgießung in Gesetze ist in vollem Gange und wird bis 2003 erledigt sein, wenn wir uns nicht alle gemeinsam erfolgreich dagegen wehren!
Die Auswirkungen der Hartz-Umsetzung auf alle Lohnarbeit
Die Umsetzung der Hartz-Pläne bedeutet eine systematisierte Verschärfung der für den Kapitalismus typischen Vermarktung sämtlicher Grundbedürfnisse, deren einzelne Vermarktungsstrategien hier zu einem machtvollen Konzert arrangiert werden sollen, so dass sie zusammen wirken und in einander greifen würden wie nie zuvor. Sämtliche Lücken der Verwertung der Ressource Mensch sollen so geschlossen werden. Da alle momentan vom Arbeitsmarkt abwesenden Menschen, die noch keine Alters- oder Berufsunfähigkeitsrente bekommen - sogenannte Arbeitsfähige - wieder in Arbeit gebracht werden sollen, wird es auf dem Arbeitsmarkt enger werden. Da das Vermieten der eigenen Arbeitskraft auch nur eine Dienstleistung unter anderen ist, wird es genau wie alle Dienstleistungen als Ware behandelt - und Waren werden billiger, wenn das Angebot daran, aber nicht die Nachfrage danach steigt. Und festangestellt in Vollzeit wird in den neuen Jobs niemand!
Neue Rechtslagen und Dimensionen bei bestimmten Arbeitsformen
Die Hartz-Umsetzung wird die Leiharbeit von der Ausnahme zur Regel werden lassen. Den Stoßtrupp dafür soll der Großteil der jetzt noch Arbeitslosengeld und -hilfe Empfangenden bilden, verstärkt um als arbeitsfähig eingestufte Sozialhilfe Emfpangende. Die restlichen Mitglieder dieser Erwerbsgruppen sollen als Ich- und Familien-AG die Scheinselbständigkeit verstärken. Gesetzliche Beschränkungen dieser beiden Beschäftigungsformen werden hierzu radikal abgebaut. Das Ergebnis ist absehbar: Jeder Betrieb, der konsequent kaufmännisch geführt ist, wird versuchen, so viel wie möglich fest voll Beschäftigte zu ersetzen durch outgesourcete Subunternehmen (Ich-AG, Familien-AG) und, vor allem da wo Schwankungen im Arbeitsaufwand auftreten, Arbeitskräfte von Zeitarbeitsfirmen zu entleihen. Dass jemand so am gleichen Arbeitsplatz wie vorher eingesetzt sehr viel weniger verdient, dürfte dann häufiger vorkommen - scheinselbständig oder ausgeliehen. Die allseits verteufelten Lohnnebenkosten spart der Betrieb dabei in jedem Falle. Dass dabei momentan der Gesamt-Preis für entliehene Arbeit noch höher ist als der für fest angestellte, dürfte sich bei der oben skizzierten neuen Marktlage schnell erledigen.
Übrigens: Dass gesetzlich die Kündigung erleichtert werden soll, gilt nicht nur vordergründig für neu abzuschließende Arbeitsverträge, sondern steckt weniger sichtbar auch in der neuen Regelung zur Arbeitslos-Meldung: Wenn dir dann gekündigt wird, musst du um Leistungsminderung zu vermeiden sofort zum Arbeitsamt und deine voraussichtliche Verfügbarkeit melden. Das mag zunächst einleuchten, aber was heißt das praktisch? Du bekommst Ämtergänge und Bewerbungsbemühungen aufgehuckt, für die du vom jetzigen Betrieb (der dich ja los werden will) in einem gesetzlich neu festgelegten Rahmen frei gestellt wirst. Dein jetziger Betrieb zeigt seine Kooperationsbereitschaft, und die Vermittlung besorgt dir eine neue Arbeit. So weit so - gut? Was, wenn du den jetzigen Job lieber behalten würdest und dein erster Gang der zur Rechtsberatung sein müsste? Dafür, und um die Kündigung anzufechten, wirst du dann sehr viel weniger Zeit und auch weniger Argumente haben. Es gibt ja neue Arbeit für dich, du bekamst sogar frei, um sie dir auszusuchen, nun hab dich nicht so!
Zeitarbeit
Im Moment steht bei Leiharbeit in Berlin höchstens eine Euro-Sieben vor dem Komma des Bruttostundenlohns eines Facharbeiters im Bau-Neben-Gewerbe (alles was nicht direkt Maurer, Trockenbauer, Tief- und Hochbauer sind). Wie es geregelt aussehen kann, zeigt der bundesweite Tarifvertrag bei der Zeitarbeitsfirma Randstad - da ist es eine Sechs.
Dieser Tarifvertrag wurde durch die zuständige DGB-Gewerkschaft ausgehandelt. Ob von dort Hilfe gegen die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen zu erwarten ist, darf also getrost bezweifelt werden. Zu Alternativen unten mehr.
Die Gesetzesänderungen, die die Grundabsicherung der Zeitarbeitenden weiter verschlechtern werden, sind auf dem Wege - angeblich, um die Arbeit der Personal-Service-Agenturen (PSA) zu erleichtern. Diese PSA gibt es noch nicht. Es sollen Zeitarbeitsfirmen sein, die aus Stadtbezirks-Arbeitsämtern entstehen und diese voll ersetzen. Jedenfalls werden die Gesetzesänderungen auf alle Zeitarbeitsfirmen angewandt werden: auf die jetzigen und, falls es die einst geben wird, auf die PSA.
Scheinselbständigkeit
Jede offiziell als selbständig angemeldete Erwerbsarbeit, die für mehr als einen Auftraggeber stattfindet, ist juristisch betrachtet keine Schein- sondern reguläre Selbständigkeit. Dieser faule Trick wird hier nicht mit gespielt. Wenn in diesem Text von Scheinselbständigkeit die Rede ist, geht es darum, dass typisch lohnabhängige Arbeiten, die dauernd überwiegend für einen Arbeitgeber ausgeführt werden, dem Namen nach in sub-unternehmerische umdefiniert werden, um das gesamte unternehmerische Risiko jenen Arbeitenden aufzubürden: Arbeits-, Versicherungs-, Geräte-, und Materialkosten!
Dies wird durch die gesetzgeberische Flankierung der Hartz-Umsetzung sehr erleichtert werden, und zwar unabhängig davon, ob Arbeitslose oder Sozialhilfe Empfangende in die Ich- oder Familien-AG getrieben werden, oder ob ein Betrieb die Gunst der Stunde zum Outsourcen benutzen will.
Zusammenfassung der Verschlechterungen
Der Arbeitsmarkt wird enger. Und er wird, was Lohn- und Absicherungsstandards betrifft, von unten aufgerollt werden: Den jetzt billigsten Arbeitskräften werden billigere zur Seite gestellt werden, und dass erstere als Konkurrenz der nächst-teureren zum Einsatz kommen werden, ist absehbar, und so weiter und so fort! Anzumerken ist noch, dass die Qualifikationsprofile der Arbeitenden elektronisch gespeichert werden und bundesweit abrufbar sein werden sollen. Also aufgepasst, Festangestellte - es gibt immer noch passendere Arbeitskräfte als euch, und zwar billiger. Da tut es auch keinen Abbruch, wenn sie am anderen Ende der Bundesrepublik wohnen - sie müssen an den neuen Arbeitsort ziehen, weil ihnen sonst die Leistungen gekürzt oder ganz gestrichen werden - so will es der in der Umsetzung befindliche Hartz-Plan. Lieber ein niedriger Lohn in der Fremde als gar kein Einkommen daheim, das verstehst auch du, nicht wahr? Und denen, die jobben, braucht wohl niemand extra erklären, was auf sie zukommt. Nämlich die erste, brutalste Welle der genannten Verschlechterungen. Da die Arbeitskräfte im großen Maßstab dorthin verschafft werden sollen, wo der Bedarf mengenmäßig am größten ist - neue Aufgabe der Landesarbeitämter, die dann KompetenzCenter heißen werden - können wir alle in Berlin uns schon mal auf Konkurrenz aus den so genannt strukturschwachen Regionen freuen. Die werden nämlich nicht mehr gefördert, sondern die Mobilität der dortigen Arbeitslosen und die Unternehmen in den Ballungszentren, die angeblich neue Arbeitsplätze schaffen (wozu auch Ausleihen von Arbeitskraft und Beauftragung von Subunternehmen zählen soll!). Also richtet euch auf Gemeinheiten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ein...
Da sämtliche oben genannten Beschäftigungsformen auch im staatlich nicht kontrollierten Sektor vorkommen, dürfte auch dort eine Steigerung des Angebots und somit eine Preissenkung stattfinden. Von dieser Seite aus ist also auch Druck auf den Arbeitsmarkt zu erwarten. Nicht alle sind eben bereit, so etwas wie die Umsetzung der Hartzpläne auch noch mit Lohnsteuergeldern zu finanzieren, und einige bekommen auch erst gar keine Chance, legal zu arbeiten.
Was getan werden kann und muss
Als erstes ist festzustellen, dass die Umsetzung der Hartzpläne weder hingenommen werden muss noch darf. Das betrifft sowohl ihre gesetzliche Verankerung durch Bundestag und Bundesrat als auch die Umsetzung solcher Gesetze. Die Möglichkeiten des Widerstandes sind denkbar vielfältig. Was immer am besten ist, ist, sich zu informieren, sich über die eigene Lage und Interessen klar zu werden und sich dann nach Gleich-Betroffenen und -Gesinnten umzuschauen. Woher der Angriff erfolgt, lässt sich leicht daran erkennen, wer seine Nutznießenden sind. Wie jenen die Suppe versalzen werden kann, solltet ihr miteinander erörtern. Wenn ihr schon für die Arbeitgeber zusammenarbeitet, dann kennt ihr einige Zusammenhänge. Das verbessert eure Fähigkeit, auch gegen sie zusammenzuarbeiten. Das ist durchaus legitim, da hier Grundrechte auf dem Spiel stehen, die es zu verteidigen gilt. Das Grundgesetz gewährt Koalitionsfreiheit am Arbeitsplatz, und die solltet ihr nutzen. Wie die Gewerkschaften, die auch auf diesem Ticket fahren, sie nutzen, das beurteilt ihr am besten selbst.

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