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Montagsdemo in Wittenberg und der Zeitungs-Bericht darüber (24. 08.04)
Sehr geehrter Herr Schröder,

gestern fand auch in der Lutherstadt Wittenberg eine "Montagsdemo" statt.
Damit Sie nicht auf die Meldungen der Medien hereinfallen, die berichten, daß die Anzahl der Teilnehmer zurückgeht (hier ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens), möchte ich Ihnen folgendes mitteilen:

in der "Mitteldeutschen Zeitung" von heute (24. 08. 2004) ist auf Seite 7 in der Überschrift zu lesen:
"Etwa 800 Menschen versammelten sich gestern auf dem Wittenberger Marktplatz"

In der Berichterstattung der Mitteldeutschen Zeitung über die erste Wittenberger Demo am vorigen Dienstag hatte gestanden, daß dort etwa 500 - 600 Menschen anwesend waren. Eine Unterschriftenaktion hatte 720 Unterschriften ergeben. Es ist also zu vermuten, daß in Wirklichkeit mehr als 720 Menschen am vorigen Dienstag dort anwesend waren.

Da ich selbst an der gestrigen Veranstaltung teilgenommen habe, muß ich Ihnen mitteilen, daß es gestern gegenüber der vorigen Woche MINDESTENS die doppelte bis dreifache Anzahl der Menschen gewesen ist!
Also selbst mit vorsichtigen Schätzungen hätte man von "mindestens" 1500 Menschen sprechen müssen.

Oder vielleicht hat die "Mitteldeutsche Zeitung" nur ihre "Hausaufgaben" gut erledigt, indem sie einer Vorgabe entsprach, die Anzahl der Leute so weit wie möglich "nach unten" zu schätzen, damit dann (S. 1 der Mitteldeutschen Zeitung von heute) den Leuten vorgemacht werden kann: "Weniger auf Montags-Demonstrationen" ?

Sie gestatten mir den Umkehrschluß:

Wenn also die Angaben über die Anzahl der Teilnehmer in den Zeitungen und Medien "halbiert" werden, haben demzufolge in ganz Deutschland MINDESTENS DOPPELT SO VIELE MENSCHEN DARAN TEILGENOMMEN WIE DIE MEDIEN BEHAUPTEN - also MEHR als vor einiger Woche.
Damit handelt es sich hier um eine offensichtlich gewollte Fälschung der Tatsachen - und das Ziel ist doch auch klar:
den Menschen den Mut nehmen zu wollen, weiter zu den Demos zu gehen, weil es "doch keinen Zweck" mehr hat.

Auch wenn Ihnen das gelingen sollte, daß die Menschen auf der Straße irgendwann aufgeben: damit haben Sie die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme in Deutschland, die mit Hartz IV weiter verstärkt werden, noch lange nicht gelöst!

Aus meiner Sicht hoffen Sie ja nur, daß die Menschen irgendwann aus Angst, ab Januar kein Geld mehr zu bekommen, DOCH die Fragebögen ausfüllen und abgeben. Und daß dann die Demonstrationen einschlafen.
Eine solche Herangehensweise hat nichts mit "politischer Führung" eines Landes zu tun, das ist schlicht und frech Zynismus und Spielen mit den ökonomischen Zwängen, unter denen die Arbeitslosen stehen. "Zuckerbrot und Peitsche" - nicht wahr?

Mir ist klargeworden, daß Hartz IV UNTER ALLEN UMSTÄNDEN verhindert werden muß, wenn wir die zukünftigen Aufgaben, die in Deutschland anstehen, nicht von einem noch niedrigeren Level aus anpacken wollen.

Fahren Sie unser Land nicht noch tiefer in den Dreck und lassen Sie dann andere die Karre aus dem Dreck ziehen!
Ich nehme Sie in die persönliche Verantwortung, Hartz IV auszusetzen, eine gemeinsame öffentliche Diskussion um die möglichen, machbaren Alternativen zu starten.
Sorgen Sie für eine ehrliche und wahrheitsgemäße Berichterstattung in den Medien (erzählen Sie mir nicht, die wären "frei"!).
Es gilt, die Interessen der Arbeitgeber, vor allem derjenigen, die für die Infrastruktur und die Befriedigung der Binnennachfrage zuständigen sind, ebenso zu berücksichtigen wie die Interessen der Arbeitenden, der Arbeitslosen und der Kinder und Jugendlichen. Dazu müssen diese Menschen die Möglichkeit haben, ihre Interessen und auch die Konflikte dabei, offen zu diskutieren und GEMEINSAM nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Zeitdruck ist dabei im Augenblick die größte Gefahr!
Diese Aufgabe verlangt eine WIRKLICH FUNDAMENTALE Reform (also im "Keller" beginnend) und keine "Abrißbirne" wie Hartz IV!
Es gäbe kluge Ratgeber, auf die Sie hören könnten: zum Beispiel Ernst Ulrich von Weizsäcker, Friedhelm Hengsbach, Frau Prof. Christa Luft (Wirtschaftsprofessorin aus Ostdeutschland). Sorgen Sie dafür, daß diese Menschen in nächster Zeit verstärkt öffentlich zu Wort kommen.

Wenn Sie eine ehrliche Information der Bürger, ihre demokratische Mitwirkung und eine echte Chance für eine bessere Zukunft in Deutschland wollen, dann haben Sie den Mut, zuzugeben, daß Hartz IV ein Fehler war. Man wird nicht von Ihnen verlangen, die Kopplung Ihrer Tätigkeit als Bundeskanzler an Hartz IV aufrecht zu erhalten. Gerade in Zeiten stürmischen Wandels kann ein Regierungswechsel nur noch katastrophalere Folgen haben. Sie können im Amt bleiben, wenn Sie auf uns hören.
Auch die Opposition hat ja bereits bewiesen, daß sie lernfähig und zur Zusammenarbeit mit der Regierung bereit ist.

Um Ihnen aber zu zeigen, daß es aus meiner Sicht keine Alternative für Deutschland zur Aussetzung von Hartz IV gibt, habe ich meine Existenz an diese Aussetzung gebunden:
ich habe gestern vor diesen 800 oder 1500 oder über 2000 Menschen auf dem Wittenberger Marktplatz erklärt, daß ich UNTER KEINEN UMSTÄNDEN den Fragebogen zu Hartz IV ausfüllen und zurückgeben werde: mit all den Konsequenzen, die das ab Januar für mich, meine Familie und meine zwei Katzen haben wird.

Bitte, zeigen Sie den Mut, einen Fehler einzugestehen und die Fähigkeit, ihn zu korrigieren.
Wir alle werden Sie dafür schätzen und Ihnen helfen, die anstehenden Aufgaben in Deutschland gemeinsam zu lösen.
Sie haben auch einen Ruf in der zukünftigen Geschichtsschreibung zu gewinnen oder zu verlieren.
Entweder Sie stehen in 100 Jahren als der Erneuerer Deutschlands da oder als derjenige, der Deutschland kaputt gespielt hat.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine intensive Zeit des Nachdenkens , kluge Entscheidungen und den Mut, sie umzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Brunhild Krüger
Diplomphysikerin, 52 Jahre, langzeitarbeitslose Alleinerziehende
Lutherstadt Wittenberg



   
     
     
     
     

 

 

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