Anti-Hartz-Buendnis mobilisiert zum Widerstand gegen Arbeitsmarktpolitik.
Generalstreik gefordert
Jochen Koehler
Die Protestbewegung gegen
die Hartz-Plaene zur "Reform" des Arbeitsmarktes erfaehrt
immer mehr Zulauf. Ueber 500 Menschen sind am Mittwoch dem Aufruf
des Berliner "Anti-Hartz-Buendniss" gefolgt und versammelten
sich im Audimax der Humboldt Universitaet zu Berlin. Kritikpunkte
am Hartz-Konzept wurden herausgearbeitet, ueber den sich bundesweit
formierenden Widerstand informiert und eine Kooperation aller "Anti-Hartz-Kraefte"
in Angriff genommen. Ausnahmslos alle Redner waren sich einig: Die
Umsetzung des Hartz-Konzepts werde zu Sozialabbau, zur Entsolidarisierung
unter den Erwerbstaetigen und Erwerbslosen, zu Verelendung und Altersarmut,
zu Diskriminierung von Frauen sowie zu Ausbeutung der Erwerbstaetigen
fuehren. Keinesfalls wuerde das erreicht, was die SPD/Gruenen-Bundesregierung
vollmundig als Ziel ausgibt: Das Entstehen neuer Arbeitsplaetze.
Statt dessen stellten
die Hartz-Konzepte einen umfassenden Masterplan zur Deregulierung
und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes dar. Entsprechend lang die
Liste der drohenden Zumutungen, die am Mittwoch zur Sprache kamen:
Der geplante Ausbau der Leiharbeit sei ein Mittel, niedrigere Entgeltstrukturen
salonfaehig zu machen und die Regelungen des Kuendigungsschutzes
zu unterlaufen. Unter Zuhilfenahme sogenannter Personal Service
Agenturen (PSA), die den Arbeitsaemtern als Verleihfirmen angegliedert
werden sollen, wuerden Hunderttausende Beschaeftigte aus ihren geregelten,
sozialversicherten Beschaeftigungsverhaeltnissen verdraengt. Gleichzeitig
werde massiver Druck auf Arbeitslose und Sozialhilfeempfaenger durch
autoritaere Zwangsmassnahmen ausgeuebt, um diese in unsichere Niedriglohnjobs
zu zwingen. Die Legalisierung von Scheinselbstaendigkeit durch sogenannte
Ich-AGs und Mini-Jobs haette soziale Unsicherheit und Altersarmut
zur Folge. Die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II werde die materielle Situation
von Millionen von Buergern drastisch verschlechtern.
Das Hartz-Konzept bediene
Vorurteile in den noch gut verdienenden Mittelschichten, sagte der
Wirtschaftswissenschaftler Michael Heinrich. In der Oeffentlichkeit
wuerden Arbeitlose als faul diffamiert und ihre Lage als selbstverschuldet
abgestempelt. Sowohl Arbeitlose als auch Erwerbstaetige sollten
durch die Arbeitsmarktpolitik "verantwortlich fuer ihre eigene
Verwertbarkeit" gemacht werden, wobei eine "totale Mobilmachung
fuer das Kapital" erfolge. Es sei "moerderisch" von
Gewerkschaften, diesen Entsolidarisierungskurs zu unterstuetzen,
kritisierte Heinrich. Der ehemalige Vorsitzende der IG Medien, Detlef
Hensche, sprach von einer "solchen Brutalitaet" bei der
"Deregulierung des Arbeitmarktes durch Rot-Gruen", wie
er sie "noch nie erlebt" haette. Dagegen aufzustehen sei
"erste Buergerpflicht". Durch Leiharbeit und befristete
Beschaeftigungen wuerde "Widerstandspotential" in den
Betrieben erstickt. In den Hartz-Plaenen sehe er eine "moderne
Variante von Zwangsarbeit".
Das Arbeitslosengeld
II wuerden nach Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe
nur diejenigen beziehen, die erwerbsfaehig sind, stellte jW-Kolumnistin
Mag Wompel von LabourNet Deutschland fest. Frauen mit Kindern wuerden
in "Versorgerehen" gezwungen, in denen allein der Mann
fuer den Lebensunterhalt zustaendig sei. Bestehende Diskriminierungen
wuerden so verschaerft, am Ende warte auf die Frauen Altersarmut,
so Wompel. Hans Koebrich von der IG Metall Berlin berichtete, dass
sich an der IG-Metall- und ver.di-Basis sowie vielen Betrieben Widerstand
gegen die Hartz-Plaene formiere, obwohl der Bundesvorstand dafuer
gestimmt haette. Es sei die "Schizophrenie des IG-Metall-Vorstandes",
so Koebrich, dass einerseits Hartz als "Schritt in die richtige
Richtung" bezeichnet wurde, andererseits aber an jedem der
13 Module des Konzeptes "scharfe Kritik" formuliert worden
sein soll.
Von etlichen Teilnehmern
der Veranstaltung wurde ein landesweiter Generalstreik gefordert.
Die Gewerkschaften sollen Farbe bekennen und zeigen, "auf welcher
Seite" sie staenden, hiess es. Weiter wurde aufgefordert, fuer
die Demonstration gegen die Hartz-Plaene am Donnerstag abend vor
dem Arbeitsamt Mitte in Berlin zu mobilisieren.
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(c) Junge Welt 2002
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