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Telepolis vom 5.12.02
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Aktivierender
Sozialstaat
von Peter Nowak
Bisher konnte man im Parlament verfolgen, wie sich Bundesregierung
und Opposition um die richtige Umsetzung der [1]
Vorschläge der Hartz-Kommission zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
streiten. Jetzt machen [2] Erwerbsloseninitiativen
und Teile der Gewerkschaftsbasis gegen das Hartz-Konzept mobil.
Erste Anti-Hartz-Bündnisse haben sich in [3]
Berlin, dem Rhein-Main Gebiet und Bochum gegründet.
Einen Spagat vollziehen gegenwärtig die [4]
Gewerkschaften. Während ein Teil der Gewerkschaftsspitze das
Hartz-Konzept unterstützt, häufen sich an der Basis die
[5] ablehnenden Beschlüsse. Heute findet in
Berlin eine [6] Demonstration gegen die Hartz-Pläne
statt. Die Kritiker wenden sich hauptsächlich gegen die dort
vorgesehene Ausweitung der Leiharbeit und des Niedriglohnsektors:
"Diese Vorschläge basieren auf der falschen Diagnose,
dass die Massenarbeitslosigkeit eine lohnkostenbedingte Krise ist.
Entsprechend dieser falschen Diagnose wird eine Therapie vorgeschlagen,
die sich in ihren Kernpunkten gegen Beschäftigte und Arbeitslose
wendet", heißt es in einem gewerkschaftlichen Kritikpapier.
Pointierter drückte es der ehemalige IG-Medien-Vorsitzende
Detlef Hensche auf einer Veranstaltung in Berlin aus. "Im Mittelalter
behaupteten die Alchemisten, sie könnten aus Lehm Gold machen,
und alle glaubten ihnen. Die modernen Alchemisten sind die Wirtschaftsexperten,
die behaupten, durch immer mehr Lohnsenkungen könne die Arbeitslosigkeitbekämpft
werden. Auch ihnen glauben viele." Hensche warnte auch vor
den im Hartz-Konzept vorgesehen Ich-AGs. So werde eine Gesellschaft
miteinander konkurrierender Aktiengesellschaften produziert. Es
liege im ureigensten Interesse der Gewerkschaften, eine solche Entsolidarisierung
zu verhindern.
Koordinierungsstelle für die Proteste wurde in den letzten
Wochen das Internetprojekt [7]Labournet. Mag Wompel,
die das Projekt betreut, sieht hier eine virtuelle Schnittstelle
zwischen aktiven Gewerkschaftlern und sozialen Bewegungen. Anders
als in Italien, wo Globalisierungskritiker und gegen Betriebsschließungen
kämpfende Fiat-Arbeiter eng zusammen arbeiten, ist in Deutschland
die Kooperation noch in den Anfängen.
Dass man die Gesetze noch verhindern könne, glaubt allerdings
kaum jemand. Doch auch nach der Verabschiedung im Parlament bietet
die konkrete Umsetzung des Konzepts nach Meinung der Kritiker genügend
Anknüpfungspunkte für Aktionen. So werden bald die ersten
Personalservice-Agenturen (PSA) eröffnet. Dort sollen getreu
den Hartz-Plänen Arbeislosengeldbezieher sechs Monate zur Arbeit
"ausgeliehen" werden. Weigerungen haben Kürzungen
der Leistungen zur Folge. Die Anti-Hartz-Aktivisten wollen die PSA
in den Mittelpunkt ihrer Proteste stellen. Das soll auch Gegenstand
eines bundesweiten Treffens der Hartz-Kritiker sein. Bei der Vorbereitung
übernimmt Labournet ebenfalls einen Teil der Vorbereitungen.
Wird nur ein Teil der Pläne des Protestbündnisses umgesetzt,
bekäme der Begriff des aktivierenden Sozialstaats eine ganz
neue Bedeutung.
Links
[1] http://www.spd.de/servlet/PB/menu/1017763
[2] http://www.bag-erwerbslose.de
[3] http://www.anti-hartz.de
[4] http://www.mdb-zeitlmann.chiemgau.de/main/die_hartz-vorschlaege.htm
[5] http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/
realpolitik/modelle/hartz/proteste.html
[6] http://www.anti-hartz.de/
[7] http://www.labournet.de
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