Bericht von IGM Berlin
Veranstaltung zu Hartz
He will not be moved...
Bericht von einer Veranstaltung
der IG Metall Berlin zur Reform des Arbeitsmarktes (Hartz) am Montag,
den 24. Februar 2003 zur "aktuelle[n] Gesetzeslage [...] und
unser[em] weitere[n] politische[n] Vorgehen"
Gestern war eine Veranstaltung der IG Metall Berlin zu Hartz. Die
Einladung ging an "Funktionäre/innen unserer Verwaltungsstelle":
"Alle an diesem Thema interessierte Mitglieder können
an dieser Veranstaltung gerne teilnehmen". Das Publikum bestand
wesentlich aus FunktionärInnen und BetriebsrätInnen/BetriebsaktivistInnen
der IGM, es waren aber auch eine ganze Reihe interessierter Leute
aus dem Erwerbslosen/Anti-Hartz-Spektrum da. Insgesamt waren ca.
60-80 Leute anwesend.
Zum Hintergrund: Am 30.11.2002
hatte die Delegiertenkonferenz der IG Metall Berlin mit großer
Mehrheit (nach meiner Erinnerung 87:12) einen Beschluss gefasst,
die Umsetzung der Hartz-Pläne "mit allen Mitteln"
-- insbesondere in Hinblick auf Leiharbeit -- zu behindern/bekämpfen
und den Vorstand/Geschäftsführung aufgefordert entsprechend
innerhalb der IGM Hierarchie nach oben zu wirken.
Die Veranstaltung begann
mit länglichen Ausführungen Arno Hagers (1. Bevollmächtigter
der IG Metall Berlin IGM), die er damit einführte, nun erklären
zu wollen, was er nach "Eurem Antrag" (er hatte wohl dagegen
gestimmt) gemacht habe um diesem zu genügen. Dazu erklärte
er, wie und mit welchen Argumenten auf der IGM Beiratssitzung der
Antrag der IGM und weiterer 3 Regionalorganisationen, die in ähnliche
Richtung gingen, nicht durchkam.
Die Ausführungen
hatten den Charakter eines ungemein geduldigen Vaters, der seinen
trotzköpfigen Kindern erklärt, warum sie nicht kriegen
können, was sie haben wollen. In diesem Zusammenhang bemühte
er mehrere Overheadfolien mit Statistiken zu Erwerbsarbeit und Arbeitsmarkt
mit Vergleichen der BRD zu den OECD-Staaten. In seinen Ausführungen
hatte "Deutschland" mehrere Probleme, darunter den hohen
Anteil von Langzeitarbeitslosen an der Gesamterwerbslosigkeit etc.
Eine der tieferen und von ihm mehrfach angeführten Einsichten
war, dass in Ländern mit niedrigerer Erwerbslosigkeit der Anteil
der Erwerbstätigen an der Gesamtgesellschaft höher ist.
Die Politik der IG Metall
orientierte sich in der Darstellung Arno Hagers wesentlich auf die
Lösung von Problemen des Standorts (ein Wort, das er nicht
in den Mund nahm) Deutschland, die "bewegt" werden müssten.
Dabei sprach er sich u. a. für einen Umbau des Sozialstaates
aus, wobei er abwechselnd Dänemark, Schweden und die Niederlande
als positive Beispiele nannte.
In der anschließenden
Diskussion sprachen jeweils einige Personen aus dem Publikum, dann
antwortete Arno Hager (weitgehend in Variationen seines Eingangsstatements)
und dann wiederholte sich das Spiel.
Ausnahmslos alle Redebeiträge
aus dem Publikum kritisierten weit über die jeweiligen Positionen
Arno Hagers hinausgehend die Fahrpläne bzw. die Gesetze der
rot-grünen Regierung zur Reform des Arbeitsmarktes. Naheliegenderweise
drehte sich die Kritik des Publikums hauptsächlich um den Bereich
Leiharbeit, weil die in lohnabhängiger Beschäftigung stehenden
Mitglieder der IGM an diesem Punkt am ehesten persönlich von
den Gesetzesänderungen betroffen sind oder als Betriebsratsmitglieder
mit der Regulierung (d. h. hier dem Versuch der Verhinderung) von
Leiharbeit im Betrieb befasst sind.
Aus allen Redebeiträge
sprach Verwunderung, Enttäuschung und Frustration, dass die
"eigene" Gewerkschaft einen neoliberalen Kurs mittrage
und sich damit das Argument zu eigen mache, Schuld an der Erwerbslosigkeit
seien zu hohe Löhne.
Mehrere Redebeiträge
kritisierten ausdrücklich, dass die Führung der IGM Berlin
den Beschluss vom 30. November nicht umgesetzt habe. Tatsächlich
wurden auf der Veranstaltung keine Maßnahmen der IGM bekannt,
die der Umsetzung des Beschlusses oder auch nur dessen Bekanntmachung
gedient hätten.
Arno Hager, der zusammen
mit dem Redeleiter "mit dem Rücken zur Wand" dem
Publikum frontal gegenüber saß, reagierte auf diese Kritik
einmal mit der Beteuerung seiner demokratischen Einstellung: bei
ihm müssten die Funktionäre für die Mitglieder und
deren Beschlüsse funktionieren. Er fügte allerdings keine
Beispiele an, wie das im Fall des fraglichen Beschlusses geschehen
sei.
Insgesamt wurde in der
Veranstaltung nur in wenigen Momenten die Anordnung durchbrochen,
in der ein kritisches Publikum sich an einem Übervater abarbeitet
ohne dessen Funktion jemals in Frage zu stellen. Ein lichter Moment
in dieser Hinsicht war der Redebeitrag einer GEW-Betriebsrätin,
die den anwesenden Metallern erklärte, in der GEW sei die Beschlusslage
und auch die Umsetzung ähnlich, woraus nur der Schluss gezogen
werden könne, dass die gewerkschaftlichen Hartz-KritikerInnen
sich quer zu ihren Gewerkschaftsorganisationen direkt vernetzen
müssten.
Von solchen Momenten
abgesehen hatte Arno Hager die Veranstaltung zu jedem Zeitpunkt
im Griff. Die Veranstaltung endete mit dem Vorsatz die Diskussion
fortzusetzen. Unklar blieb, wozu eigentlich.
Max Müller
25.02.2003
(Alle Zitate aus der
Einladung bzw. aus Redebeiträgen) Überschrift in Anspielung
auf "We shall not be moved...": http://www.8ung.at/kampflieder/lieder/move.htm
|