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Aus "Das Argumen" 245
Nr. 245, 44.Jg., H 2, 2002, S. 21- 28
Frigga Haug

Unterwegs im Niedriglohnbereich
Zu Barbara Ehrenreichs Arbeit poor.(1)

Im Jahre 1999 begann ein Text seine kurze Karriere, das "Schröder-Blair"-Papier, in dem die Sozialdemokraten Englands und Deutschlands ihren Willen zu einer abgemilderten Variante des neoliberalen Wegs kundtaten. Darin findet man auch Vorschläge zum Umgang mit Arbeitslosen, die so umstandslos kein Geld mehr bekommen, sondern statt dessen gezwungen werden sollten, jede Arbeit anzunehmen. Das diente als Vorbereitung für die Akzeptanz des sich vergrößernden Niedriglohnsektors (vgl. F. Haug, 1999). Dieses US-amerikanische Modell fand noch mehr Begeisterung beim Kanzlerkandidaten Stoiber, der im Wahlkampf 2002 nach diesem Muster Hundertausende von Arbeitsplätzen, ja, ein Ende von Arbeitslosigkeit überhaupt verspricht. Es wird höchste Zeit, sich die Menschen in diesem Sektor, ihre Lebenswirklichkeit, näher anzusehen.
Die US-amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich ist in diese Welt der Niedriglohn-Menschen eingestiegen, hat als eine von ihnen drei Monate verbracht und einen Bericht geschrieben, der als Wahlkampfbroschüre verbreitet werden, in jeder Schule zum Unterrichtsstoff gehören, in der Arena der Politik als Pflichtlektüre gelten sollte.
Obwohl es nicht so leicht ist, eine realistische Übersicht über diesen Niedriglohnsektor zu erhalten, weiß man als sozial interessierter Mensch doch ungefähr, wo das errechnete Existenzminimum liegt, an dem sich etwa das Arbeitslosengeld messen lassen muss. Von diesem aber "wissen" wir wiederum aus den Zeitungen, dass es zu hoch ist, verglichen zu den Niedriglöhnen, die daher für die ohnehin als arbeitsunwillig gedachten Arbeitslosen kein Anreiz seien. Da die meisten Menschen für ihr Einkommen arbeiten müssen, kann eine Politik gegen arbeitsloses Einkommen derer ganz unten und für die Mobilisierung der >Arbeitsscheuen< zur >Arbeit um jeden Preis< mit Akzeptanz rechnen.
Wenn man gezwungen ist, das eigene Einkommen etwas einzuteilen, sich nicht alles erlauben kann, erhebt sich manchmal die Frage, wie es sich in den Niederungen der Löhne lebt, wie Menschen mit einem Einkommen zurechtkommen, das nur halb so hoch ist wie das eigene oder gar nur ein Zehntel ausmacht, wobei man den Bruchteil, den ein Niedriglohn im Verhältnis zu dem Einkommen eines Politikers, der eben die Ausdehnung des Niedriglohnbereichs empfiehlt, schamvoll erst gar nicht denkt. Die aufsteigende Unruhe wird man beschwichtigen mit dem Gedanken, dass die gering Verdienenden ja doch "irgendwie" hinkommen, es ja immer einen Ausweg, ein Geheimnis der Lebenskunst gebe, von der diese Armen wissen. Diesen >Überlebenstricks< (9) auf die Spur zu kommen, brach Barbara Ehrenreich auf in drei verschiedene Staaten der USA, Florida, Maine und Minnesota. Die Auswahl geschah nach der Maßgabe, dass es Gegenden sein mussten, in denen überwiegend Weiße leben, sodass eine weiße Frau überhaupt einen solchen Job erhalten kann, der ansonsten von Schwarzen, Hispanos, Flüchtlingen aus den postkommunistischen Ländern und eben nicht von nach Hautfarbe und Sprache Privilegierten besetzt ist. Es geht um Arbeiten ohne besondere Qualifikation, bzw. nur der, die Frauen "an sich" eigen ist, wie Kellnern, Putzen, Verkaufen.
Ehrenreich schreibt unmittelbar problemorientiert, sachlich. Das macht, dass man sogleich anfängt, sich die anstehenden Fragen anzumessen und also das Buch mit der Aufregung liest, als ginge es um das eigene Leben. Wie ist es, auf der Suche nach einem gering bezahlten Job zu sein (zwischen 6 und 10 Dollar pro Stunde) und wie führt man ihn durch und lebt darin und davon? Zuerst geht es um zwei Dinge, die ineinander verhakt sind. Sie braucht eine Arbeitsstelle und eine Wohnung, nicht zu weit entfernt von dieser. Bei der Wohnungsfrage geht es zunächst um Übergänge wie ein billiges Motel, das aber für weniger als den gesamten Tageslohn nicht zu haben ist, Kompromisse müssen eingegangen werden, wie etwa 50 km Entfernung zur Arbeitsstelle und natürlich der Verzicht auf alles, was man aus dem Mittelstand als Wohnung akzeptieren würde.
Dieser Teil, die Wohnungssuche in jedem Staat ist am eindringlichsten geschrieben und offenbart eine Komponente, an die man zuvor nicht gedacht hat und die am meisten verzweifeln lässt. >Doch es gibt ja die Möglichkeit, eine Wohnung mit anderen zu teilen. [Eine Apartments-Anlage inseriert] ein Zimmer für 65 Dollar die Woche, Bad und Küche sind mit einer Frau zu teilen. [...] Wir betreten das Parterre eines heruntergekommenen Komplexes -- hab Motel, halb Logierhaus --, und Earl zeigt auf eine verschlossene Tür. Die Küche, erklärt er, aber da können wir jetzt nicht rein, da schläft nämlich ein Typ. [...] Wie kann man dann kochen, frage ich. Na ja, der ist ja nicht dauernd drin. Mein eigentliches Zimmer liegt von der Küche aus gesehen am anderen Ende des Flurs [...] und enthält zwei ungemachte Doppelbetten, eine Kommode mit zwei Schubladen, zwei Glühbrinen an der Decke und sonst nichts. Ein Fenster gibt es nicht.< (60) Jede Jobbeschreibung beginnt mit einer umfangreichen Wohnungssuche, die in deprimierende Wohnhöhlen führt, die jeweils mehr als die Hälfte des Verdienstes wegfressen und bei denen etwa das Hausen in einem Trailer auf einem Parkplatz noch zu den Luxusunterkünften gehört. Damit man nicht auf die Idee kommt, dass die Autorin vielleicht nicht versiert genug sei, die entsprechenden bezahlbaren Unterkünfte zu finden, gibt sie gleich aus dem ersten Job in einem Restaurant die Wohnsituation aller Kolleginnen an. Fazit: alle wohnen weit über ihre Einkommensverhältnisse, zahlen mehr als die Hälfte für Miete und müssen sich dabei noch zumeist engen Raum mit Freunden, Familienmitgliedern, kurz anderen Jobinhabern teilen. Der Bericht über die erste Bleibe endet mit dem Satz: >Dies ist keine Gegend für Menschen im eigentlichen Sinne, sondern für eine Art Arbeitskraftkonserven, die zwischen den Schichten so gelagert werden, dass sie die Hitze überstehen.< (46)
In der ersten Phase ihre Experiments ist Ehrenreich noch unternehmungslustig, daher geht sie -- ethnologisch interessiert und auch weil sie keinen ganzen Abend in der >Zimmerkonserve< verbringen will -- zu einer Veranstaltung der >Erlöser-Kirche<. Auch dieser Bericht gehört zu den einprägsamen Erzählungen in dem Buch, weil die Berichterstatterin selbst an solchem Ort eine Einführung in Inhumanität registriert. >Wie toll das wäre, wenn jetzt jemand diesem trübselig dreinblickenden Publikum die Bergpredigt vorlesen würde, gefolgt von einem zündenden Vortrag über das Einkommensgefälle und die Notwendigkeit des Einsteigs in eine Mindestlohnregelung. Aber Jesus ist hier nur als Leiche gegenwärtig; der lebendige Mensch, der weinsaufende Landstreicher und vorzeitige Sozialist kommt nicht ein einziges Mal zur Sprache, und auch nichts von dem, was er zu sagen hatte. Hier herrscht der gekreuzigte Christus, und vielleicht besteht das eigentliche Geschäft des modernen Christentums genau darin, ihn stets aufs neue ans Kreuz zu schlagen, damit kein Wort mehr aus seinem Munde dringt.< (74)
Es ist nicht so leicht, einen Job zu bekommen, wie die Zeitungsinserate glauben machen, denn viele Unternehmen inserieren Arbeitsplätze, die sie noch besetzt haben und legen sich so eine Reserveliste an für alle Fälle. Aber es ist machbar. Zuweilen kommt man als Angehörige des Mittelstandes in Kontakt mit den Inhabern solcher billigen Arbeitsplätze, wenngleich zumeist von der anderen Seite, als Kunde, als Gast, als Wohungsbesitzer, der sich eine Putzfrau oder besser noch einen Putzdienst leistet, so können sich die Politiker vorstellen, was das für eine Arbeit ist. Allerdings kaum, wenn man sie über acht oder mehr Stunden tut und sich verdreckt, verschwitzt kaum noch auf den Beinen halten kann, sich schlecht ernährt, Durchhaltetabletten nimmt und schon bald ein Bild von sich und seiner gesellschaftlichen Arbeit gewinnt, wie Marx sie im Fetischcharakter der Ware beschreibt. Im Restaurant: >Dabei sind die Gäste eigentlich nur das Haupthindernis für die reibungslose Transformation von Information in Essen und von Essen in Geld. Sie sind mit einem Wort: der Feind.< (42) --
Als Ehrenreich sich bei einer Beschuldigung eines Mitarbeiters gegen ihre Gewohnheit aus ihrem anderen Leben nicht einmischt, nicht aufbegehrt, erkennt sie: >Es hatte sich ein ganz neuer Zug, etwas ekelhaft Serviles an mich geheftet, so nachhaltig wie die Küchendünste, die ich, wenn ich nachts meine Kleider ablegte, noch an meinem BH erschnüffeln konnte.< (47) -- Die Verwandlungen sind von Job zu Job verschieden. Als Putzhilfe erfährt sie eine Art Surrealismus aus dem Zusammenstoß der eigenen Wohn- und Lebenssituation des Putzteams und des Lebens in Luxusvillen oder auch im Hotel. >Wir sind in eine bessere Welt eingetreten: in eine Luxuswelt, wo jeder Tag ein Urlaubstag ist, den es mit sexuellen Abenteuern auszufüllen gilt. Doch in dieser Phantasiewelt sind wir lediglich ungeladene Gäste, die ihre Präsenz mit Rückenschmerzen und ständigem Durst bezahlen.< (50) Auffällig durch eine Art Uniform in schreienden Farben, erfahren diese Putzfrauen zugleich, dass sie selbst für die Bedienenden in Restaurants oder an der Bar nicht wirklich existieren, d.h. nicht bedient werden. (Vgl. 104) -- Als Verkäuferin bei Walmart, der Handelskette, die an der Spitze der US-Unternehmen steht, ein jährliches Wachstum von 10 Prozent ausweisen kann und seit einigen Jahren auch in Europa Fuß gefasst hat und über eine eigene "Philosophie" und den entsprechenden Werbespruch (>Our people make the difference<) verfügt, berichtet Ehrenreich über sich: >Aber irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr, wenn das Bedürfnis, mich hinzusetzen, zur regelrechten Begierde wird, setzt eine Dr.Jekyll/Mr.Hyde-artige Verwandlung ein. Ich kann nicht mehr darüber hinwegsehen, dass es unsere schlampigen und launenhaften Kundinnen sind, wegen denen ich mich ständig bücken und ducken und tummeln muss. Sie sind die Käufer, ich bin ihre Gegnerin, die dafür zu sorgen hat, dass das Geschäft so aussieht, als hätten sie es nie betreten. An diesem Punkt schlägt die "aggressive Gastfreundschaft" in aggressive Feindseligkeit um. Die Einkaufswagen der Kundinnen krachen mit meinem zusammen, ihre Kinder laufen Amok. Einmal kann ich nur noch hilflos mit ansehen, wie einer dieser Blagen alles, was er erreichen kann, von den Ständern reißt. In dem Moment muß mein böser Gedanke, dass Abtreibung die falschen, weil ungeborenen Kinder trifft, auf meinem Gesicht abzulesen sein. [...] Für meinen Hass auf die Kundinnen beginne ich mir sogar völlig abwegige Gründe einzureden, bei der weißen Kundschaft z.B. stört mich ihr körperliches Volumen. Ich meine damit nicht nur die Bäuche und Ärsche, sondern die mächtigen Wülste an völlig extravaganten Stellen wie im Nacken oder um die Knie.< (170f) Nach einer Reflexion über den Zusammenhang von fast food, chips, french toasts, der Ernährung des unteren Mittelstands und Fettleibigkeit vergleicht Ehrenreich nach dem im Laufe der Schicht aufgezehrten Mitleid mit den Dicken diese mit den Verkäuferinnen, die >aus durchsichtigen Gründen< so aussehen, als müsste man sie >künstlich ernähren<. Es geschieht eine weitere Verschiebung, denn >nicht die Kundinnen sind meinen Bezugsgruppe, sondern die Kleidungsstücke. [...] Ich beginne [sie] als die meinen anzusehen, aber nicht in dem Sinn, dass ich sie mitnehmen und anziehen wollte, [...] es sind meine, weil ich sie verwalte und unter mir habe. Und dasselbe empfinde ich für die gesamte Damenbekleidung.< (171) Wenn die anderen nach Hause gehen >fange ich an, den Ort zu besitzen< (ebd.). Sie macht jetzt richtig Ordnung, befiehlt der Kleidung, >kerzengerade in Habachtstellung zu hängen oder sich der perfekten Ordnung zu unterwerfen, die ich in den Regalen duchsetze. In dieser geistigen Verfassung will ich auf gar keinen Fall eine Kundin sehen, die überall herumgrabscht und wieder alles durcheinanderbringt. Ja, im Grunde hasse ich die Vorstellung, dass die Sachen verkauft und ihrer natürlichen Umgebung entrissen werden< (172). Entsprechend verändert sich das Verhältnis zu den Kolleginnen, die zunehmend ebenso als Eindringlinge in ihre Welt wahrgenommen werden. >Das bin nicht ich, jedenfalls nicht die Version von mir, mit der ich viel Zeit verbingen wollte< (174). Sie reflektiert die wachsenden Gefühle von Missgunst und Gemeinheit, die sie bei sich entdeckt. Am Schluss ihres Experiments fragt sie sich, ob sie eigentlich mit ihrer Arbeit zurechtgekommen ist, eine Frage, die sie auch nach kritischer Prüfung gut bejahen kann. >Aber die entscheidende Frage lautet ja nicht, wie gut ich mit meiner Arbeit zurechtkam. Entscheidend ist, wie ich mit meinem Leben insgesamt zurechtgekommen bin, was etwa auch Essen und Unterkunft einschließt< (200), und diese Frage erfährt ein klares Nein.
In jeder ihrer drei Stationen muss Ehrenreich entdecken, dass sie mit nur einem Job nicht zurechtkommen kann, selbst dann nicht, wenn sie nur das Allernotwendigste isst, selbstverständlich auf Alkohol oder sonstigen Luxus ganz verzichtet. Es reicht schon durchschnittlich nicht, aber es ginge gar nicht, plötzlich zum Zahnarzt zu müssen oder sonst eine Ausgabe zu haben, die das bescheidene Mindestmaß übersteigt. Sie muss sich einen zweiten Job verschaffen, eine zweite Schicht pro Tag oder wenigstens einen zusätzlichen Wochenendjob. Ihr Fazit analytisch: >Die neue Version des Gesetzes von Angebot und Nachfrage besagt: Die Jobs sind so billig, sprich schlecht bezahlt, damit sich die Arbeitssuchenden gezwungen sehen, so viele Jobs anzunehmen, wie sie nur können< (65); und lebenspraktisch: es ist schwierig aber möglich, sowas vier Wochen durchzuhalten, aber auf Dauer? Ihre Kolleginnen insbesondere beim Putzdienst sind viel jünger, aber zugleich noch zusätzlich gefordert als alleinerziehende Mütter z.B., wo zu weiteren Ausgaben, weitere Organisationszeit kommt, um irgendwie die Kinder unterzubringen, da eine offizielle Kinderkrippe ganz jenseits des Bezahlbaren liegt. Diese Kolleginnen sind auch schon in den Zwanzigern weitgehend verbraucht, haben Gelenk- und andere Gesundheitsschäden. Das allen Gemeinsame aber ist, dass die gesamte Lebenszeit dazu genutzt werden muss, an die Beschaffung von Jobs zu denken, an die Organisation von Zeit, daran, wie man mit dem Geld auskommen könnte, an vielleicht billigere Behausung. Da bleibt kein menschlicher Rest. So ist es im Grunde nicht erstaunlich, dass ihre Versuche, die Kolleginnen aus dem Putzteam durch die Aufforderung ihre Wohnsituation mit den Häusern der Reichen zu vergleichen, um zur Empörung über den privaten Reichtum anzustiften, nicht wirklich landen. Die eine glaubt daran, eines Tages auch in einem solchen Haus wie das von ihr geputzte zu wohnen, als sei das lediglich eine Frage der Zeit, die andere (alleinerziehende Mutter von 2 Kindern) wünscht sich nur, einmal einen Tag ausspannen zu können und dann am nächsten Tag dennoch das Geld für die Lebensmittel zu haben. In Wirklichkeit müssen die Niedriglohn-Menschen immer wieder eine letzte Rettung bei der Sozialfürsorge suchen, ein Paket Lebensmittel oder ähnliches holen; das gilt u.a. auch für die Verkäuferinnen bei Walmart; >67 Prozent der erwachsenen Bürger, die Nahrungsmittelhilfe in Anspruch nehmen, sind Menschen mit einem Job -- also tatsächlich "working poor" (224). Ehrenreich beschafft sich solche Lebensmittel als sie tatsächlich in Not gerät und dokumentiert die Bilanz: >Lebensmittel für 7,02 Dollar nach 70 Minuten Rumtelefonieren und Autofahren, minus 2,80 Dollar für die Telefonate. Macht einen Stundenlohn von 3,62 Dollar.< (107)
In der Dauerspannung erfährt sie die Unteroffiziere des Kapitals, die kleinen Manager und Aufseher über Arbeit als eine einzige empörende Demütigung, ständig auf der Lauer, Arbeitszurückhaltung, Faulheit, Diebstahl, Drogenmissbrauch zu entdecken, über die Untergebenen zu verfügen, zu kontrollieren (vgl. 28).
Zu ihrer Überraschung stellt Ehrenreich fest, dass ihre Kolleginnen im Grunde >stolz auf ihre Arbeit waren, die ihnen so kümmerlich entgolten wurde, und zwar in Geld wie in sozialer Anerkennung. Diese Menschen empfanden das Management häufig als einen Faktor, der sie daran hindert, ordentliche Arbeit abzuliefern< und statt dessen >Unterwürfigkeit< verlangte (217). So war die Unerträglichkeit der Situation auch dadurch bedingt, dass man einerseits gute Arbeit nicht leisten sollte (etwa die Gäste im Restaurant nicht zu gut bedienen), andererseits auf extra-gute Arbeit festgenagelt werden konnte, sodass man einen Rückzug in bloße Erledigung antreten musste.
Ehrenreich ist zugleich der Frage auf der Spur, warum sich die so Geknechteten, Gedemütigten, Erniedrigten nicht zur Wehr setzen, warum unaushaltbare Zustände ausgehalten werden. Sie entziffert eine Reihe von Gründen, die ineinandergreifen. Sie haben gar keine Zeit über ihre Situation nachzudenken, die Arbeit, das Wohnen, das Rechnen halten sie in Atem. Sie können annehmen, dass nur der jeweils eigene Job so gering bezahlt ist, gleichwohl aber keine Möglichkeit sehen, sich nach etwas anderem umzusehen, weil das Lebensarrangement, Wohnen, Organisieren der Kinder, Mitfahren mit anderen sie an den jeweiligen Arbeitsplatz bannt. Für das einfache Losreißen und Woanders-neu-Beginnen fehlt das angesparte Kapital, das man für die Zeit des Suchens, für die Zimmer-Kaution braucht. Zudem gibt es auch keine Informationen über das, was andere verdienen (211). Das Tabu, über die Löhne zu sprechen, ist teils im sozialen Selbstverständnis verankert, teils ein Gebot des jeweiligen Unternehmens, teils Resultat des Mediengeschehens, in der Weise, dass die Niedriglohn-Menschen praktisch im Fernsehen z.B. gar nicht auftauchen, gesellschaftlich unsichtbar sind (221). Hinzu kommen die jeweiligen Einstellungspraxen, denen sie sich bei jeder Bewerbung unterziehen musste. Langwierige Fragebogentests, die die Haltung der Einzustellenden in Bezug auf Diebstahl, Loyalität gegenüber Kollegen, gegenüber der Firma usw. zu messen scheinen, denkt sie nicht als Mittel zur wirklichen Informationsbeschaffung, sondern als ein Arrangement, das selbst bei Arbeitskräftemangel verhindert, dass die einzelnen sich irgendeinen Wert zuschrieben, dass sie vielmehr so zu Demut und Unterwerfung geführt werden und Freude empfinden, wenn man ihre Arbeitskraft überhaupt zu kaufen bereit ist. Als ein Akt der expliziten Demütigung erfährt sie die Praxis des Reinigungsunternehmens, auf Distanzwerkzeuge zu verzichten und statt dessen das Putzen auf Knien zu ihrem Markenzeichen zu machen. Als weiteres Demütigungsritual entziffert sie den Urintest, der bei allen Einstellungen gemacht wird, um Drogenkonsum auszuschließen. Dies erweist sich zugleich als ein neuer Markt für Findige, die für viel Geld (wiederum etwa ein Tagessatz des späteren Verdienstes) Mittel anpreisen, die den Konsum unnachweisbar machen. >Wenn sich Niedriglohn-Arbeitskräfte also nicht immer "ökonomisch rational" im Sinne der klassischen Theorie verhalten, das heißt, wie "freie Akteure" in einem kapitalistischen demokratischen System, so deshalb, weil an ihrem Arbeitsplatz weder Freiheitsrechte noch irgendwelche demokratischen Prinzipien gelten. Beim Eintritt in das Reich der Niedriglöhne [...] gibst du deine Bürgerrechte an der Pförtnerloge ab, du lässt die Vereinigten Staaten von Amerika hinter dir wie alle Werte, für die dieses Land angeblich steht, und lernst, das Maul zu halten, bis deine Schicht zu Ende ist. Die Folgen dieser tagtäglichen Unterwerfung beschränken sich nicht auf die Probleme der Entlohung und der Armut. Schließlich können wir uns kaum rühmen, die beste aller Demokratien darzustellen, wenn so viele Bürger die Hälfte ihrer nicht verschlafenen Zeit einem Regime unterworfen sind, das -- im Klartext gesprochen -- einer Diktatur gleichkommt.< (215) Sie benennt als psychische Folgen des Lebens in dieser Diktatur die Übernahme der Zuschreibungen -- etwa als Faulenzer, Dieb, Drogensüchtige -- in den eigenen Selbstzweifel. Sodass am Ende dem Gefühl von Wertlosigkeit der niedrige Wert, den der Lohn ausdrückt, zu entsprechen scheint.
Aber gibt es im schönen reichen US-Amerika und entsprechend in der Zukunft der BRD eigentlich nennenswert viele dieser >working poor<? Ehrenreich liefert die Zahlen für die USA, das Nachwort von Horst Afheldt übersetzt auf die Situation in der BRD.
Ehrenreich benutzt bei der Berechnung des Mindestverdienstes die Daten des >Economy Policy Institute<, das zu dem Ergebnis kommt, dass ein Stundenlohn von 14 Dollar ausreiche, um einer Familie (worunter sie schon auf der Höhe der Zeit eine erwachsene Person und zwei Kinder fassen), zusätzlich zum absoluten Minimum eine Krankenversicherung, ein Telefon und einen Kindergartenplatz zu finanzieren. Nicht vorgesehen ist solcher Luxus wie Restaurantbesuche, Video-Leihgebühren, Internetanschluss, Wein, oder anderer Alkohol, Zigaretten, Lotteriescheine; Fleisch nur selten. Aber 60 Prozent der arbeitenden Menschen in den USA verdienen weniger als 14 Dollar die Stunde. Sie brauchen den Zusammenschluss mit einem weiteren Lohnbezieher oder öffentliche Unterstützung wie Lebensmittelgutscheine, Mietbeihilfe usw.
Die Millionen, die 6 - 10 Dollar verdienen, die in akuter Entbehrung leben, nicht genug essen, kein trautes Heim haben, bei Krankheit oder Verletzung durcharbeiten müssen, sind nach Ehrenreich Zeugnis eines >nationalen Notstands< (220). Sie kommt zu dem Schluss, dass die unter Clinton eingeleitete Reform der staatlichen Sozialhilfe (vom welfare zum workfare), die von beiden Parteien getragen wurde, mit der Niedriglohnarbeit die Menschen nicht aus der Armutsfalle befreit hat, sondern ein >katastrophaler Fehler< war, der sich dem politisch-gesellschaftlichen Bewusstsein auch dadurch entzieht, dass man >vergessen< hat, das soziale Schicksal der Menschen, die früher noch staatliche Beihilfe bezogen, systematisch zu beobachten. Ehrenreich informiert, dass die Niedriglöhne im Jahre 2000 noch nicht einmal auf dem Niveau waren, das sie 27 Jahre zuvor hatten, und dass die ärmste Arbeiterschicht am weitesten hinter das Lohnniveau von 1973 zurückgefallen ist, während diejenigen, die Stundenverdienste um 20 Dollar erzielen, immerhin in den letzten 27 Jahren ein Wachstum von 6,6 Prozent erreichten. Ehrenreichs Experiment und Bericht legt Zeugnis ab, dass der Reichtum des oberen Drittels der USA nicht nur auf Kosten der Dritten Welten, sondern auch durch Verelendung eines großen Teils der eigenen Bevölkerung sprießt.
Wie ist dies aber in Deutschland, wo der Abbau des Sozialstaats noch nicht vollendet und die Übernahm des us-amerikanischen Beschäftigungsmodells noch Zukunft ist? In Horst Afheldts Nachwort geht es zunächst um die Bestimmung der Armutsgrenze. Natürlich lassen sich die Angaben von Ehrenreich nicht einfach nach dem Wechselkurs übertragen, da die Lebenshaltungskosten anders bestimmt werden müssen. Afheldt benutzt daher die >Regelsätze für die Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Bundessozialhilfegesetz<, also die Grenze, ab der in der BRD ungenügende Einkommen zu Mindesteinkommen aufgestockt werden. Die Sätze sind in DM -- also ca halb soviel in Euro -- : für Alleinstehende 550; Alleinerziehende mit einem Kind 1049; Eheleute mit 2 Kindern 1976 und mit vieren 2690. Die Anwendung auf die Einkommensverteilung ergibt: 6 Prozent der ausgeübten Tätigkeiten bieten ein Einkommen, das zum Unterhalt eines einzelnen Menschen nicht ausreicht, 15,2 Prozent verdienen weniger als ein Elternteil mit einem Kind braucht, mehr als 32 Prozent verdienen weniger als ein Elternteil mit 2 Kindern braucht, und etwa 50 Prozent verdient weniger als eine Familie mit vier Kinder braucht (230). Demnach gibt es auch in Deutschland eine beträchtliche Anzahl von working poor. Es gilt also die Niedriglöhne zu erhöhen. Aber die Löhne wachsen seit 20 Jahren nicht, liegen heute auf dem Niveau von 1976, während sich das Sozialprodukt in der gleichen Zeit verdoppelt hat. Der Vergleich mit den Billigstlohnplätzen, den >Produktionshöllen< in den Industriezonen der Entwicklungsländer, belegt: Armut in der Welt ist nicht durch Freihandel zu beseitigen. (233) Auch Afheldt spricht vom Verlust an Demokratie, die zur Farce werde, wenn immer weniger Macht bei den Gegenkräften zur Wirtschaft existiere. Die Kosten der neoliberalen Globalisierung zahlen die Millionen, die die vielen unterbezahlten Arbeiten tun und der Abstand zu den >wenigen Großverdienern wächst und wächst. In den USA verdient ein Firmenboss 1980 im Durchschnitt 42 mal soviel wie ein Arbeiter, 1999 das 475-fache. Und deutsche Bosse, die sich mit 60 Millionen abfinden lassen, sind dabei, es ihnen nachzutun.< (237)
Ehrenreich hofft, dass es die Niedriglohn-Menschen irgendwann >einfach satt haben, dass ihre Arbeit so wenig einbringt [...] Wenn es soweit ist, werden wir ihre Wut zuspüren bekommen, werden Streiks eine soziale Zerreißprobe erleben.< (226) Afheldt hofft, dass die Politik >aufwacht< und >erkennt<: wer seine Grenzen weltweit für Kapital und Waren geöffnet hat, verliert letzlich jeden sozialen Handlungsspielraum. Über Produktionsweise, Produktionsstandorte, Preise und damit auch über Arbeitslosigkeit und Arbeit poor bestimmt dann nur noch das Kapital der weltweiten Unternehmen. Und über die Umwelt sowieso.< (237)
Zwischen der Hoffnung auf die >Arbeitenden Armen< und auf die Politik von oben müssen sich weitere Akteure einfinden, die wie Ehrenreich das Elend erforschen und sichtbar machen. Zorn, Energie und Ausdauer sind gefragt.


(1) Ehrenreich, Barbara: Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft. Aus dem Amerikanischen von Niels Kadritzke. Mit einem Nachwort von Horst Afheldt. Antje Kunstamnn Verlag, München 2001 (253 S., kart., 18,90 Euro)

Literatur: Haug, Frigga,, 1999: >Die neue Mitte -- Bewegungsmöglichkeiten im Neoliberalismus>, in: Das Argument 233, 795-809
Schröder, Gerhard, und Anthony Blair, 1999: >Der Weg nach vorn für Europas Sozialdemokraten.< Veröffentlicht im Internet und diversen Zeitungen und Zeitschriften, u.a. Blätter für dt. und int. Politik, 7, 887-896

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