| Frigga
Haug
Unterwegs
im Niedriglohnbereich
Zu Barbara Ehrenreichs Arbeit poor.(1)
Im Jahre 1999 begann
ein Text seine kurze Karriere, das "Schröder-Blair"-Papier,
in dem die Sozialdemokraten Englands und Deutschlands ihren Willen
zu einer abgemilderten Variante des neoliberalen Wegs kundtaten.
Darin findet man auch Vorschläge zum Umgang mit Arbeitslosen,
die so umstandslos kein Geld mehr bekommen, sondern statt dessen
gezwungen werden sollten, jede Arbeit anzunehmen. Das diente als
Vorbereitung für die Akzeptanz des sich vergrößernden
Niedriglohnsektors (vgl. F. Haug, 1999). Dieses US-amerikanische
Modell fand noch mehr Begeisterung beim Kanzlerkandidaten Stoiber,
der im Wahlkampf 2002 nach diesem Muster Hundertausende von Arbeitsplätzen,
ja, ein Ende von Arbeitslosigkeit überhaupt verspricht. Es
wird höchste Zeit, sich die Menschen in diesem Sektor, ihre
Lebenswirklichkeit, näher anzusehen.
Die US-amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich ist in diese
Welt der Niedriglohn-Menschen eingestiegen, hat als eine von ihnen
drei Monate verbracht und einen Bericht geschrieben, der als Wahlkampfbroschüre
verbreitet werden, in jeder Schule zum Unterrichtsstoff gehören,
in der Arena der Politik als Pflichtlektüre gelten sollte.
Obwohl es nicht so leicht ist, eine realistische Übersicht
über diesen Niedriglohnsektor zu erhalten, weiß man als
sozial interessierter Mensch doch ungefähr, wo das errechnete
Existenzminimum liegt, an dem sich etwa das Arbeitslosengeld messen
lassen muss. Von diesem aber "wissen" wir wiederum aus
den Zeitungen, dass es zu hoch ist, verglichen zu den Niedriglöhnen,
die daher für die ohnehin als arbeitsunwillig gedachten Arbeitslosen
kein Anreiz seien. Da die meisten Menschen für ihr Einkommen
arbeiten müssen, kann eine Politik gegen arbeitsloses Einkommen
derer ganz unten und für die Mobilisierung der >Arbeitsscheuen<
zur >Arbeit um jeden Preis< mit Akzeptanz rechnen.
Wenn man gezwungen ist, das eigene Einkommen etwas einzuteilen,
sich nicht alles erlauben kann, erhebt sich manchmal die Frage,
wie es sich in den Niederungen der Löhne lebt, wie Menschen
mit einem Einkommen zurechtkommen, das nur halb so hoch ist wie
das eigene oder gar nur ein Zehntel ausmacht, wobei man den Bruchteil,
den ein Niedriglohn im Verhältnis zu dem Einkommen eines Politikers,
der eben die Ausdehnung des Niedriglohnbereichs empfiehlt, schamvoll
erst gar nicht denkt. Die aufsteigende Unruhe wird man beschwichtigen
mit dem Gedanken, dass die gering Verdienenden ja doch "irgendwie"
hinkommen, es ja immer einen Ausweg, ein Geheimnis der Lebenskunst
gebe, von der diese Armen wissen. Diesen >Überlebenstricks<
(9) auf die Spur zu kommen, brach Barbara Ehrenreich auf in drei
verschiedene Staaten der USA, Florida, Maine und Minnesota. Die
Auswahl geschah nach der Maßgabe, dass es Gegenden sein mussten,
in denen überwiegend Weiße leben, sodass eine weiße
Frau überhaupt einen solchen Job erhalten kann, der ansonsten
von Schwarzen, Hispanos, Flüchtlingen aus den postkommunistischen
Ländern und eben nicht von nach Hautfarbe und Sprache Privilegierten
besetzt ist. Es geht um Arbeiten ohne besondere Qualifikation, bzw.
nur der, die Frauen "an sich" eigen ist, wie Kellnern,
Putzen, Verkaufen.
Ehrenreich schreibt unmittelbar problemorientiert, sachlich. Das
macht, dass man sogleich anfängt, sich die anstehenden Fragen
anzumessen und also das Buch mit der Aufregung liest, als ginge
es um das eigene Leben. Wie ist es, auf der Suche nach einem gering
bezahlten Job zu sein (zwischen 6 und 10 Dollar pro Stunde) und
wie führt man ihn durch und lebt darin und davon? Zuerst geht
es um zwei Dinge, die ineinander verhakt sind. Sie braucht eine
Arbeitsstelle und eine Wohnung, nicht zu weit entfernt von dieser.
Bei der Wohnungsfrage geht es zunächst um Übergänge
wie ein billiges Motel, das aber für weniger als den gesamten
Tageslohn nicht zu haben ist, Kompromisse müssen eingegangen
werden, wie etwa 50 km Entfernung zur Arbeitsstelle und natürlich
der Verzicht auf alles, was man aus dem Mittelstand als Wohnung
akzeptieren würde.
Dieser Teil, die Wohnungssuche in jedem Staat ist am eindringlichsten
geschrieben und offenbart eine Komponente, an die man zuvor nicht
gedacht hat und die am meisten verzweifeln lässt. >Doch
es gibt ja die Möglichkeit, eine Wohnung mit anderen zu teilen.
[Eine Apartments-Anlage inseriert] ein Zimmer für 65 Dollar
die Woche, Bad und Küche sind mit einer Frau zu teilen. [...]
Wir betreten das Parterre eines heruntergekommenen Komplexes --
hab Motel, halb Logierhaus --, und Earl zeigt auf eine verschlossene
Tür. Die Küche, erklärt er, aber da können wir
jetzt nicht rein, da schläft nämlich ein Typ. [...] Wie
kann man dann kochen, frage ich. Na ja, der ist ja nicht dauernd
drin. Mein eigentliches Zimmer liegt von der Küche aus gesehen
am anderen Ende des Flurs [...] und enthält zwei ungemachte
Doppelbetten, eine Kommode mit zwei Schubladen, zwei Glühbrinen
an der Decke und sonst nichts. Ein Fenster gibt es nicht.< (60)
Jede Jobbeschreibung beginnt mit einer umfangreichen Wohnungssuche,
die in deprimierende Wohnhöhlen führt, die jeweils mehr
als die Hälfte des Verdienstes wegfressen und bei denen etwa
das Hausen in einem Trailer auf einem Parkplatz noch zu den Luxusunterkünften
gehört. Damit man nicht auf die Idee kommt, dass die Autorin
vielleicht nicht versiert genug sei, die entsprechenden bezahlbaren
Unterkünfte zu finden, gibt sie gleich aus dem ersten Job in
einem Restaurant die Wohnsituation aller Kolleginnen an. Fazit:
alle wohnen weit über ihre Einkommensverhältnisse, zahlen
mehr als die Hälfte für Miete und müssen sich dabei
noch zumeist engen Raum mit Freunden, Familienmitgliedern, kurz
anderen Jobinhabern teilen. Der Bericht über die erste Bleibe
endet mit dem Satz: >Dies ist keine Gegend für Menschen
im eigentlichen Sinne, sondern für eine Art Arbeitskraftkonserven,
die zwischen den Schichten so gelagert werden, dass sie die Hitze
überstehen.< (46)
In der ersten Phase ihre Experiments ist Ehrenreich noch unternehmungslustig,
daher geht sie -- ethnologisch interessiert und auch weil sie keinen
ganzen Abend in der >Zimmerkonserve< verbringen will -- zu
einer Veranstaltung der >Erlöser-Kirche<. Auch dieser
Bericht gehört zu den einprägsamen Erzählungen in
dem Buch, weil die Berichterstatterin selbst an solchem Ort eine
Einführung in Inhumanität registriert. >Wie toll das
wäre, wenn jetzt jemand diesem trübselig dreinblickenden
Publikum die Bergpredigt vorlesen würde, gefolgt von einem
zündenden Vortrag über das Einkommensgefälle und
die Notwendigkeit des Einsteigs in eine Mindestlohnregelung. Aber
Jesus ist hier nur als Leiche gegenwärtig; der lebendige Mensch,
der weinsaufende Landstreicher und vorzeitige Sozialist kommt nicht
ein einziges Mal zur Sprache, und auch nichts von dem, was er zu
sagen hatte. Hier herrscht der gekreuzigte Christus, und vielleicht
besteht das eigentliche Geschäft des modernen Christentums
genau darin, ihn stets aufs neue ans Kreuz zu schlagen, damit kein
Wort mehr aus seinem Munde dringt.< (74)
Es ist nicht so leicht, einen Job zu bekommen, wie die Zeitungsinserate
glauben machen, denn viele Unternehmen inserieren Arbeitsplätze,
die sie noch besetzt haben und legen sich so eine Reserveliste an
für alle Fälle. Aber es ist machbar. Zuweilen kommt man
als Angehörige des Mittelstandes in Kontakt mit den Inhabern
solcher billigen Arbeitsplätze, wenngleich zumeist von der
anderen Seite, als Kunde, als Gast, als Wohungsbesitzer, der sich
eine Putzfrau oder besser noch einen Putzdienst leistet, so können
sich die Politiker vorstellen, was das für eine Arbeit ist.
Allerdings kaum, wenn man sie über acht oder mehr Stunden tut
und sich verdreckt, verschwitzt kaum noch auf den Beinen halten
kann, sich schlecht ernährt, Durchhaltetabletten nimmt und
schon bald ein Bild von sich und seiner gesellschaftlichen Arbeit
gewinnt, wie Marx sie im Fetischcharakter der Ware beschreibt. Im
Restaurant: >Dabei sind die Gäste eigentlich nur das Haupthindernis
für die reibungslose Transformation von Information in Essen
und von Essen in Geld. Sie sind mit einem Wort: der Feind.< (42)
--
Als Ehrenreich sich bei einer Beschuldigung eines Mitarbeiters gegen
ihre Gewohnheit aus ihrem anderen Leben nicht einmischt, nicht aufbegehrt,
erkennt sie: >Es hatte sich ein ganz neuer Zug, etwas ekelhaft
Serviles an mich geheftet, so nachhaltig wie die Küchendünste,
die ich, wenn ich nachts meine Kleider ablegte, noch an meinem BH
erschnüffeln konnte.< (47) -- Die Verwandlungen sind von
Job zu Job verschieden. Als Putzhilfe erfährt sie eine Art
Surrealismus aus dem Zusammenstoß der eigenen Wohn- und Lebenssituation
des Putzteams und des Lebens in Luxusvillen oder auch im Hotel.
>Wir sind in eine bessere Welt eingetreten: in eine Luxuswelt,
wo jeder Tag ein Urlaubstag ist, den es mit sexuellen Abenteuern
auszufüllen gilt. Doch in dieser Phantasiewelt sind wir lediglich
ungeladene Gäste, die ihre Präsenz mit Rückenschmerzen
und ständigem Durst bezahlen.< (50) Auffällig durch
eine Art Uniform in schreienden Farben, erfahren diese Putzfrauen
zugleich, dass sie selbst für die Bedienenden in Restaurants
oder an der Bar nicht wirklich existieren, d.h. nicht bedient werden.
(Vgl. 104) -- Als Verkäuferin bei Walmart, der Handelskette,
die an der Spitze der US-Unternehmen steht, ein jährliches
Wachstum von 10 Prozent ausweisen kann und seit einigen Jahren auch
in Europa Fuß gefasst hat und über eine eigene "Philosophie"
und den entsprechenden Werbespruch (>Our people make the difference<)
verfügt, berichtet Ehrenreich über sich: >Aber irgendwann
zwischen sechs und sieben Uhr, wenn das Bedürfnis, mich hinzusetzen,
zur regelrechten Begierde wird, setzt eine Dr.Jekyll/Mr.Hyde-artige
Verwandlung ein. Ich kann nicht mehr darüber hinwegsehen, dass
es unsere schlampigen und launenhaften Kundinnen sind, wegen denen
ich mich ständig bücken und ducken und tummeln muss. Sie
sind die Käufer, ich bin ihre Gegnerin, die dafür zu sorgen
hat, dass das Geschäft so aussieht, als hätten sie es
nie betreten. An diesem Punkt schlägt die "aggressive
Gastfreundschaft" in aggressive Feindseligkeit um. Die Einkaufswagen
der Kundinnen krachen mit meinem zusammen, ihre Kinder laufen Amok.
Einmal kann ich nur noch hilflos mit ansehen, wie einer dieser Blagen
alles, was er erreichen kann, von den Ständern reißt.
In dem Moment muß mein böser Gedanke, dass Abtreibung
die falschen, weil ungeborenen Kinder trifft, auf meinem Gesicht
abzulesen sein. [...] Für meinen Hass auf die Kundinnen beginne
ich mir sogar völlig abwegige Gründe einzureden, bei der
weißen Kundschaft z.B. stört mich ihr körperliches
Volumen. Ich meine damit nicht nur die Bäuche und Ärsche,
sondern die mächtigen Wülste an völlig extravaganten
Stellen wie im Nacken oder um die Knie.< (170f) Nach einer Reflexion
über den Zusammenhang von fast food, chips, french toasts,
der Ernährung des unteren Mittelstands und Fettleibigkeit vergleicht
Ehrenreich nach dem im Laufe der Schicht aufgezehrten Mitleid mit
den Dicken diese mit den Verkäuferinnen, die >aus durchsichtigen
Gründen< so aussehen, als müsste man sie >künstlich
ernähren<. Es geschieht eine weitere Verschiebung, denn
>nicht die Kundinnen sind meinen Bezugsgruppe, sondern die Kleidungsstücke.
[...] Ich beginne [sie] als die meinen anzusehen, aber nicht in
dem Sinn, dass ich sie mitnehmen und anziehen wollte, [...] es sind
meine, weil ich sie verwalte und unter mir habe. Und dasselbe empfinde
ich für die gesamte Damenbekleidung.< (171) Wenn die anderen
nach Hause gehen >fange ich an, den Ort zu besitzen< (ebd.).
Sie macht jetzt richtig Ordnung, befiehlt der Kleidung, >kerzengerade
in Habachtstellung zu hängen oder sich der perfekten Ordnung
zu unterwerfen, die ich in den Regalen duchsetze. In dieser geistigen
Verfassung will ich auf gar keinen Fall eine Kundin sehen, die überall
herumgrabscht und wieder alles durcheinanderbringt. Ja, im Grunde
hasse ich die Vorstellung, dass die Sachen verkauft und ihrer natürlichen
Umgebung entrissen werden< (172). Entsprechend verändert
sich das Verhältnis zu den Kolleginnen, die zunehmend ebenso
als Eindringlinge in ihre Welt wahrgenommen werden. >Das bin
nicht ich, jedenfalls nicht die Version von mir, mit der ich viel
Zeit verbingen wollte< (174). Sie reflektiert die wachsenden
Gefühle von Missgunst und Gemeinheit, die sie bei sich entdeckt.
Am Schluss ihres Experiments fragt sie sich, ob sie eigentlich mit
ihrer Arbeit zurechtgekommen ist, eine Frage, die sie auch nach
kritischer Prüfung gut bejahen kann. >Aber die entscheidende
Frage lautet ja nicht, wie gut ich mit meiner Arbeit zurechtkam.
Entscheidend ist, wie ich mit meinem Leben insgesamt zurechtgekommen
bin, was etwa auch Essen und Unterkunft einschließt< (200),
und diese Frage erfährt ein klares Nein.
In jeder ihrer drei Stationen muss Ehrenreich entdecken, dass sie
mit nur einem Job nicht zurechtkommen kann, selbst dann nicht, wenn
sie nur das Allernotwendigste isst, selbstverständlich auf
Alkohol oder sonstigen Luxus ganz verzichtet. Es reicht schon durchschnittlich
nicht, aber es ginge gar nicht, plötzlich zum Zahnarzt zu müssen
oder sonst eine Ausgabe zu haben, die das bescheidene Mindestmaß
übersteigt. Sie muss sich einen zweiten Job verschaffen, eine
zweite Schicht pro Tag oder wenigstens einen zusätzlichen Wochenendjob.
Ihr Fazit analytisch: >Die neue Version des Gesetzes von Angebot
und Nachfrage besagt: Die Jobs sind so billig, sprich schlecht bezahlt,
damit sich die Arbeitssuchenden gezwungen sehen, so viele Jobs anzunehmen,
wie sie nur können< (65); und lebenspraktisch: es ist schwierig
aber möglich, sowas vier Wochen durchzuhalten, aber auf Dauer?
Ihre Kolleginnen insbesondere beim Putzdienst sind viel jünger,
aber zugleich noch zusätzlich gefordert als alleinerziehende
Mütter z.B., wo zu weiteren Ausgaben, weitere Organisationszeit
kommt, um irgendwie die Kinder unterzubringen, da eine offizielle
Kinderkrippe ganz jenseits des Bezahlbaren liegt. Diese Kolleginnen
sind auch schon in den Zwanzigern weitgehend verbraucht, haben Gelenk-
und andere Gesundheitsschäden. Das allen Gemeinsame aber ist,
dass die gesamte Lebenszeit dazu genutzt werden muss, an die Beschaffung
von Jobs zu denken, an die Organisation von Zeit, daran, wie man
mit dem Geld auskommen könnte, an vielleicht billigere Behausung.
Da bleibt kein menschlicher Rest. So ist es im Grunde nicht erstaunlich,
dass ihre Versuche, die Kolleginnen aus dem Putzteam durch die Aufforderung
ihre Wohnsituation mit den Häusern der Reichen zu vergleichen,
um zur Empörung über den privaten Reichtum anzustiften,
nicht wirklich landen. Die eine glaubt daran, eines Tages auch in
einem solchen Haus wie das von ihr geputzte zu wohnen, als sei das
lediglich eine Frage der Zeit, die andere (alleinerziehende Mutter
von 2 Kindern) wünscht sich nur, einmal einen Tag ausspannen
zu können und dann am nächsten Tag dennoch das Geld für
die Lebensmittel zu haben. In Wirklichkeit müssen die Niedriglohn-Menschen
immer wieder eine letzte Rettung bei der Sozialfürsorge suchen,
ein Paket Lebensmittel oder ähnliches holen; das gilt u.a.
auch für die Verkäuferinnen bei Walmart; >67 Prozent
der erwachsenen Bürger, die Nahrungsmittelhilfe in Anspruch
nehmen, sind Menschen mit einem Job -- also tatsächlich "working
poor" (224). Ehrenreich beschafft sich solche Lebensmittel
als sie tatsächlich in Not gerät und dokumentiert die
Bilanz: >Lebensmittel für 7,02 Dollar nach 70 Minuten Rumtelefonieren
und Autofahren, minus 2,80 Dollar für die Telefonate. Macht
einen Stundenlohn von 3,62 Dollar.< (107)
In der Dauerspannung erfährt sie die Unteroffiziere des Kapitals,
die kleinen Manager und Aufseher über Arbeit als eine einzige
empörende Demütigung, ständig auf der Lauer, Arbeitszurückhaltung,
Faulheit, Diebstahl, Drogenmissbrauch zu entdecken, über die
Untergebenen zu verfügen, zu kontrollieren (vgl. 28).
Zu ihrer Überraschung stellt Ehrenreich fest, dass ihre Kolleginnen
im Grunde >stolz auf ihre Arbeit waren, die ihnen so kümmerlich
entgolten wurde, und zwar in Geld wie in sozialer Anerkennung. Diese
Menschen empfanden das Management häufig als einen Faktor,
der sie daran hindert, ordentliche Arbeit abzuliefern< und statt
dessen >Unterwürfigkeit< verlangte (217). So war die
Unerträglichkeit der Situation auch dadurch bedingt, dass man
einerseits gute Arbeit nicht leisten sollte (etwa die Gäste
im Restaurant nicht zu gut bedienen), andererseits auf extra-gute
Arbeit festgenagelt werden konnte, sodass man einen Rückzug
in bloße Erledigung antreten musste.
Ehrenreich ist zugleich der Frage auf der Spur, warum sich die so
Geknechteten, Gedemütigten, Erniedrigten nicht zur Wehr setzen,
warum unaushaltbare Zustände ausgehalten werden. Sie entziffert
eine Reihe von Gründen, die ineinandergreifen. Sie haben gar
keine Zeit über ihre Situation nachzudenken, die Arbeit, das
Wohnen, das Rechnen halten sie in Atem. Sie können annehmen,
dass nur der jeweils eigene Job so gering bezahlt ist, gleichwohl
aber keine Möglichkeit sehen, sich nach etwas anderem umzusehen,
weil das Lebensarrangement, Wohnen, Organisieren der Kinder, Mitfahren
mit anderen sie an den jeweiligen Arbeitsplatz bannt. Für das
einfache Losreißen und Woanders-neu-Beginnen fehlt das angesparte
Kapital, das man für die Zeit des Suchens, für die Zimmer-Kaution
braucht. Zudem gibt es auch keine Informationen über das, was
andere verdienen (211). Das Tabu, über die Löhne zu sprechen,
ist teils im sozialen Selbstverständnis verankert, teils ein
Gebot des jeweiligen Unternehmens, teils Resultat des Mediengeschehens,
in der Weise, dass die Niedriglohn-Menschen praktisch im Fernsehen
z.B. gar nicht auftauchen, gesellschaftlich unsichtbar sind (221).
Hinzu kommen die jeweiligen Einstellungspraxen, denen sie sich bei
jeder Bewerbung unterziehen musste. Langwierige Fragebogentests,
die die Haltung der Einzustellenden in Bezug auf Diebstahl, Loyalität
gegenüber Kollegen, gegenüber der Firma usw. zu messen
scheinen, denkt sie nicht als Mittel zur wirklichen Informationsbeschaffung,
sondern als ein Arrangement, das selbst bei Arbeitskräftemangel
verhindert, dass die einzelnen sich irgendeinen Wert zuschrieben,
dass sie vielmehr so zu Demut und Unterwerfung geführt werden
und Freude empfinden, wenn man ihre Arbeitskraft überhaupt
zu kaufen bereit ist. Als ein Akt der expliziten Demütigung
erfährt sie die Praxis des Reinigungsunternehmens, auf Distanzwerkzeuge
zu verzichten und statt dessen das Putzen auf Knien zu ihrem Markenzeichen
zu machen. Als weiteres Demütigungsritual entziffert sie den
Urintest, der bei allen Einstellungen gemacht wird, um Drogenkonsum
auszuschließen. Dies erweist sich zugleich als ein neuer Markt
für Findige, die für viel Geld (wiederum etwa ein Tagessatz
des späteren Verdienstes) Mittel anpreisen, die den Konsum
unnachweisbar machen. >Wenn sich Niedriglohn-Arbeitskräfte
also nicht immer "ökonomisch rational" im Sinne der
klassischen Theorie verhalten, das heißt, wie "freie
Akteure" in einem kapitalistischen demokratischen System, so
deshalb, weil an ihrem Arbeitsplatz weder Freiheitsrechte noch irgendwelche
demokratischen Prinzipien gelten. Beim Eintritt in das Reich der
Niedriglöhne [...] gibst du deine Bürgerrechte an der
Pförtnerloge ab, du lässt die Vereinigten Staaten von
Amerika hinter dir wie alle Werte, für die dieses Land angeblich
steht, und lernst, das Maul zu halten, bis deine Schicht zu Ende
ist. Die Folgen dieser tagtäglichen Unterwerfung beschränken
sich nicht auf die Probleme der Entlohung und der Armut. Schließlich
können wir uns kaum rühmen, die beste aller Demokratien
darzustellen, wenn so viele Bürger die Hälfte ihrer nicht
verschlafenen Zeit einem Regime unterworfen sind, das -- im Klartext
gesprochen -- einer Diktatur gleichkommt.< (215) Sie benennt
als psychische Folgen des Lebens in dieser Diktatur die Übernahme
der Zuschreibungen -- etwa als Faulenzer, Dieb, Drogensüchtige
-- in den eigenen Selbstzweifel. Sodass am Ende dem Gefühl
von Wertlosigkeit der niedrige Wert, den der Lohn ausdrückt,
zu entsprechen scheint.
Aber gibt es im schönen reichen US-Amerika und entsprechend
in der Zukunft der BRD eigentlich nennenswert viele dieser >working
poor<? Ehrenreich liefert die Zahlen für die USA, das Nachwort
von Horst Afheldt übersetzt auf die Situation in der BRD.
Ehrenreich benutzt bei der Berechnung des Mindestverdienstes die
Daten des >Economy Policy Institute<, das zu dem Ergebnis
kommt, dass ein Stundenlohn von 14 Dollar ausreiche, um einer Familie
(worunter sie schon auf der Höhe der Zeit eine erwachsene Person
und zwei Kinder fassen), zusätzlich zum absoluten Minimum eine
Krankenversicherung, ein Telefon und einen Kindergartenplatz zu
finanzieren. Nicht vorgesehen ist solcher Luxus wie Restaurantbesuche,
Video-Leihgebühren, Internetanschluss, Wein, oder anderer Alkohol,
Zigaretten, Lotteriescheine; Fleisch nur selten. Aber 60 Prozent
der arbeitenden Menschen in den USA verdienen weniger als 14 Dollar
die Stunde. Sie brauchen den Zusammenschluss mit einem weiteren
Lohnbezieher oder öffentliche Unterstützung wie Lebensmittelgutscheine,
Mietbeihilfe usw.
Die Millionen, die 6 - 10 Dollar verdienen, die in akuter Entbehrung
leben, nicht genug essen, kein trautes Heim haben, bei Krankheit
oder Verletzung durcharbeiten müssen, sind nach Ehrenreich
Zeugnis eines >nationalen Notstands< (220). Sie kommt zu dem
Schluss, dass die unter Clinton eingeleitete Reform der staatlichen
Sozialhilfe (vom welfare zum workfare), die von beiden Parteien
getragen wurde, mit der Niedriglohnarbeit die Menschen nicht aus
der Armutsfalle befreit hat, sondern ein >katastrophaler Fehler<
war, der sich dem politisch-gesellschaftlichen Bewusstsein auch
dadurch entzieht, dass man >vergessen< hat, das soziale Schicksal
der Menschen, die früher noch staatliche Beihilfe bezogen,
systematisch zu beobachten. Ehrenreich informiert, dass die Niedriglöhne
im Jahre 2000 noch nicht einmal auf dem Niveau waren, das sie 27
Jahre zuvor hatten, und dass die ärmste Arbeiterschicht am
weitesten hinter das Lohnniveau von 1973 zurückgefallen ist,
während diejenigen, die Stundenverdienste um 20 Dollar erzielen,
immerhin in den letzten 27 Jahren ein Wachstum von 6,6 Prozent erreichten.
Ehrenreichs Experiment und Bericht legt Zeugnis ab, dass der Reichtum
des oberen Drittels der USA nicht nur auf Kosten der Dritten Welten,
sondern auch durch Verelendung eines großen Teils der eigenen
Bevölkerung sprießt.
Wie ist dies aber in Deutschland, wo der Abbau des Sozialstaats
noch nicht vollendet und die Übernahm des us-amerikanischen
Beschäftigungsmodells noch Zukunft ist? In Horst Afheldts Nachwort
geht es zunächst um die Bestimmung der Armutsgrenze. Natürlich
lassen sich die Angaben von Ehrenreich nicht einfach nach dem Wechselkurs
übertragen, da die Lebenshaltungskosten anders bestimmt werden
müssen. Afheldt benutzt daher die >Regelsätze für
die Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Bundessozialhilfegesetz<,
also die Grenze, ab der in der BRD ungenügende Einkommen zu
Mindesteinkommen aufgestockt werden. Die Sätze sind in DM --
also ca halb soviel in Euro -- : für Alleinstehende 550; Alleinerziehende
mit einem Kind 1049; Eheleute mit 2 Kindern 1976 und mit vieren
2690. Die Anwendung auf die Einkommensverteilung ergibt: 6 Prozent
der ausgeübten Tätigkeiten bieten ein Einkommen, das zum
Unterhalt eines einzelnen Menschen nicht ausreicht, 15,2 Prozent
verdienen weniger als ein Elternteil mit einem Kind braucht, mehr
als 32 Prozent verdienen weniger als ein Elternteil mit 2 Kindern
braucht, und etwa 50 Prozent verdient weniger als eine Familie mit
vier Kinder braucht (230). Demnach gibt es auch in Deutschland eine
beträchtliche Anzahl von working poor. Es gilt also die Niedriglöhne
zu erhöhen. Aber die Löhne wachsen seit 20 Jahren nicht,
liegen heute auf dem Niveau von 1976, während sich das Sozialprodukt
in der gleichen Zeit verdoppelt hat. Der Vergleich mit den Billigstlohnplätzen,
den >Produktionshöllen< in den Industriezonen der Entwicklungsländer,
belegt: Armut in der Welt ist nicht durch Freihandel zu beseitigen.
(233) Auch Afheldt spricht vom Verlust an Demokratie, die zur Farce
werde, wenn immer weniger Macht bei den Gegenkräften zur Wirtschaft
existiere. Die Kosten der neoliberalen Globalisierung zahlen die
Millionen, die die vielen unterbezahlten Arbeiten tun und der Abstand
zu den >wenigen Großverdienern wächst und wächst.
In den USA verdient ein Firmenboss 1980 im Durchschnitt 42 mal soviel
wie ein Arbeiter, 1999 das 475-fache. Und deutsche Bosse, die sich
mit 60 Millionen abfinden lassen, sind dabei, es ihnen nachzutun.<
(237)
Ehrenreich hofft, dass es die Niedriglohn-Menschen irgendwann >einfach
satt haben, dass ihre Arbeit so wenig einbringt [...] Wenn es soweit
ist, werden wir ihre Wut zuspüren bekommen, werden Streiks
eine soziale Zerreißprobe erleben.< (226) Afheldt hofft,
dass die Politik >aufwacht< und >erkennt<: wer seine
Grenzen weltweit für Kapital und Waren geöffnet hat, verliert
letzlich jeden sozialen Handlungsspielraum. Über Produktionsweise,
Produktionsstandorte, Preise und damit auch über Arbeitslosigkeit
und Arbeit poor bestimmt dann nur noch das Kapital der weltweiten
Unternehmen. Und über die Umwelt sowieso.< (237)
Zwischen der Hoffnung auf die >Arbeitenden Armen< und auf
die Politik von oben müssen sich weitere Akteure einfinden,
die wie Ehrenreich das Elend erforschen und sichtbar machen. Zorn,
Energie und Ausdauer sind gefragt.
(1) Ehrenreich, Barbara: Arbeit poor. Unterwegs
in der Dienstleistungsgesellschaft. Aus dem Amerikanischen von Niels
Kadritzke. Mit einem Nachwort von Horst Afheldt. Antje Kunstamnn
Verlag, München 2001 (253 S., kart., 18,90 Euro)
Literatur: Haug, Frigga,,
1999: >Die neue Mitte -- Bewegungsmöglichkeiten im Neoliberalismus>,
in: Das Argument 233, 795-809
Schröder, Gerhard, und Anthony Blair, 1999: >Der Weg nach
vorn für Europas Sozialdemokraten.< Veröffentlicht
im Internet und diversen Zeitungen und Zeitschriften, u.a. Blätter
für dt. und int. Politik, 7, 887-896
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