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Beim Berliner
Projekt "Zweite Schwelle" werden Elemente der Hartz-Vorschläge
schon praktiziert
Am liebsten hätte
schon der ehemalige Arbeitsminister Walter Riester die ersten PersonalServiceAgenturen
(PSA) noch vor der Wahl aus der Taufe gehoben. Schließlich
hatte die Hartz-Kommission diese an die Arbeitsämter angegliederten
Leiharbeitsfirmen zur Wunderwaffe gegen die Arbeitslosigkeit erkoren.
Doch er hatte das mit dem Chef der Bundesanstalt für Arbeit
nicht abgesprochen. Der bremste ihn brüsk: Es fehlte bislang
die gesetzlichen Grundlagen. Der nun im Bundestag zu ersten Lesungen
vorliegende Gesetzesentwurf ist in etlichen Punkten gegenüber
den Vorschlägen der Kommission verschärft. So ist keine
zentrale PSA-Holding mehr vorgesehen, mit der ein Tarifvertrag für
Leiharbeit abgeschlossen werden könnte. Damit kommt bei der
Arbeitnehmerüberlassung per PSA künftig auch jener berüchtigte
Randstadt-Tarifvertrag in Frage, der mit 3.41 Euro pro Stunde gerichtlich
als nicht sittenwidrig gilt. Zur Berlinwasser Holding AG gehört
schon seit Jahren das Tochterunternehmen perdie.net (Personaldienstleistungs-Netzwerk).
Sie stellt jährlich für zwölf Monate rund 100 Jugendliche
ein, die der Konzern nach der Ausbildung nicht übernimmt. Während
dieser Zeit werden sie innerhalb des Konzerns oder an Fremdfirmen
ausgeliehen. Nun wurde dieses Projekt ausgeweitet, und perdie.net
übernimmt zusätzlich 20 arbeitslose Jugendliche, die nicht
im Konzern gelernt haben, sondern vom Arbeitsamt vermittelt werden.
Das erste PSA-Modellprojekt mit dem Namen "Zweite Schwelle"
richtet sich an Jugendliche mit abgeschlossener Berufsausbildung.
Davon seien allein im Arbeitsamt Berlin-Mitte rund 3 700 unter 25
Jahren gemeldet. Für die rund 35 Prozent von ihnen mit abgeschlossener
Berufsausbildung will nun das Arbeitsamt in Zusammenarbeit mit perdie.net
die neuen Wege der Hartz-Kommission ebnen. Wie bei der Neuordnung
des Arbeitsmarktes angekündigt, bietet perdie.net den Unternehmen
eine "Entlastung der eigenen Personaladministration" und
die Möglichkeit, neue Mitarbeiter "zu suchen und zu geringen
Kosten auf Probe zu entleihen". Wer gerade nicht ausgeliehen
werden kann, qualifiziert sich nach den Angeboten der Qualifizierungskataloge
des Berlinwasser-Konzerns weiter oder übernimmt eben eine gemeinnützige
Arbeit. Neben "Wie bewerbe ich mich richtig?"-Kursen ist
jene Probezeitidee wiederzufinden, wie sie auch von der Kommission
angestrebt wird: "Berufliche Praxis zu erwerben, unterschiedliche
Tätigkeitsbereiche und Anforderungen der Wirtschaft zu erkunden".
Die Leiharbeit auf Probe à la Hartz setzt darauf, von der
temporären Beschäftigung über den "Klebeeffekt"
im Entleihbetrieb permanent in Arbeit übernommen zu werden,
obwohl oder gerade mit dem Wissen, daß der Austausch regulärer
Beschäftigung durch Leiharbeit in unzähligen Betrieben
bereits im vollen Gange ist. Bei der Berlinwasser Holding AG zeigt
sich der Effekt, daß statt einer Übernahme der Auszubildenden,
diese zu günstigen Konditionen vom Konzern bei perdie.net ausgeliehen
werden können. Vor allem kommt eins dabei heraus: "Arbeitgeber
werden in die Lage versetzt,(...) junge, von Langzeitarbeitslosigkeit
bedrohte Arbeitnehmer kennenzulernen." Ganz im Sinne der Neugestalter
des Arbeitsmarktes beinhaltet dies - neben der Aushöhlung des
Kündigungsschutzes in den Betrieben - die Durchsetzung entgarantierter
Arbeit außerhalb "starrer Beschäftigungsschutzstrukturen"
per Leiharbeit zu weit geringeren Löhnen.
Mit der staatlichen Förderung
genau jener Entwicklung erübrigt sich der Traum in ein reguläres
Beschäftigungsverhältnis übernommen zu werden. "Zweite
Schwelle" wird damit tatsächlich wie die künftige
PSA zur zweiten Schwelle, nämlich zur permanenten Hürde
bei der Suche nach einer rechtlich und finanziell korrekten Arbeit.
Zum anderen verrieten uns bereits Hartz & Co beim Leiharbeitseinsatz,
wohin die Reise geht. In gemeinnütziger oder ehrenamtlicher
Arbeit sollen sich Jugendliche ausprobieren und ihre sozialen Kompetenzen
steigern. Folgerichtig ist jene Qualifizierung auch bei perdie.net
vorgesehen: "Sollte keine adäquate Verleihmöglichkeit
gegeben sein, ermöglicht die perdie.net einen Einsatz (...)
im Rahmen gemeinnütziger Projekte." Diese Projekte werden
durch die Stiftung Vivendi Universal betreut. Ziel bei dieser Kooperation
mit der Stiftung des französischen Mischkonzerns Vivendi, ist
dann auch die "Steigerung der beruflichen und sozialen Qualifikation
durch Beschäftigung im gemeinnützigen Bereich". Und
so könnten sich die jugendlichen Leiharbeiter bei perdie.net
bald zur gemeinnützigen Arbeit in sozialen Einrichtungen wiederfinden.
Interessant für jede soziale Einrichtung ist die Kooperation
allemal, denn die Stiftung ist mit einem Fördermittelbudget
von 300 000 Euro pro Jahr ausgestattet, mit denen soziale Einrichtungen
unterstützt werden. Angewiesen auf jeden Fördertopf wird
selbst für soziale Einrichtungen die Neuordnung des Arbeitsmarktes
zum Teufelkreis zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In Anbetracht
der miesen Haushaltslage in den sozialen Einrichtungen und stetigen
Kündigungen könnte eines der Auswahlkriterien für
die begehrten Fördermittel die Schaffung mindestens eines Arbeitsplatzes
per perdien.net zur permanenten Ausleihe von Jugendlichen in gemeinnütziger
Arbeit verkommen. Last but not least machen die Qualifizierungsmodule
die Sache rund. Denn insgesamt bietet diese Form der Beschäftigung
enorme Einsparungen. Und so heißt es auch dann in einer Pressemitteilung
von Berlinwasser: "Die in diesem Projekt entstehenden Kosten
belaufen sich ca. auf ein Drittel der Kosten, die bei einer 12-monatigen
Maßnahme der beruflichen Weiterbildung entstehen würden."
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