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Betreff. Hartz-Konzept
Liebe Kollegin Isolde
Kunkel-Weber,
lieber Kollege Frank Bsirske,
hiermit bitte ich Euch,
mir doch mal zu erklären, wie es zu der Zustimmung zu den Hartzplänen
seitens des ver.di-Vorstandes gekommen ist. Als ver.di-Mitglied
habe ich nicht vernommen, dass es an der Basis Diskussionen oder
eine Absegnung für die Hartzpläne gab.
In einem offenen Brief
vom 08.08.02 (Zeitschrift "Quer" für Erwerbslose,
Heft 5, Oktober 2002) der ver.di-Vertrauensleute im Arbeitsamt Duisburg
wurde bereits sehr konkret darauf verwiesen und verlangt, dass unsere
Gewerkschaft (ver.di) konsequent die Interessen der Beschäftigten
und Arbeitslosen vertritt und das Hartz-Konzept sofort vom Tisch
muss. Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.
Es ist nicht einzusehen,
dass die Arbeitslosen, nur weil sie sich als "Masse" (noch!!!)
nicht wehren, wie Bürger dritter Klasse rechtlos abgefertigt
werden. Es ist eine Schweinerei, wenn insoweit Gewerkschaftsvorstände
dieses nicht sehen wollen und in Kauf nehmen, dass die Arbeitslosen
immer weiter ins soziale Abseits getrieben werden. Statt die Schaffung
von Arbeitsplätzen einzufordern, wird den unsozialen Hartzplänen
zugestimmt. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass das Hartz-Konzept
die Schaffung von Arbeitsplätzen beinhaltet. Wie also soll
die Umsetzung eins zu eins funktionieren, wenn dem Konzept die wichtigste
Säule fehlt, nämlich Arbeitsplätze?
Warum setzt sich der
ver.di-Vorstand nicht dafür ein, z.B. die Vermögensteuer
für Reiche wieder einzuführen? Wäre die Vermögensteuer
eingeführt worden, hätte der Staat längst genügend
Geld für seinen Haushalt, statt immer diejenigen zu bekämpfen,
die sich nicht wehren können, nämlich Arbeitslose, Rentner
etc. - also immer diejenigen, die im Bundestag oder anderswo keine
Lobby haben. Was hier entschieden bekämpft werden muss, ist
das Hartz-Konzept - und zwar mit einer entschlossenen ver.di-Gewerkschaft.
Als ehemaliges IG Druck und Papier-Mitglied habe ich seit April
1967 eine Gewerkschaft erlebt, die für die Interessen ihrer
Mitglieder gekämpft hat, wenn es nötig war und deren Mitglieder
immer zu ihrer Gewerkschaft hielten. Was ich heute als zwangsfusioniertes
ver.di-Gewerkschaftsmitglied erlebe, ist ein Ausverkauf solidarischer,
sozialer und demokratischer Interessen.
Ich will nicht hoffen,
dass in der Folge dieser Entwicklung weitere Hunderttausende oder
Millionen Menschen in der Bundesrepublik arbeitslos werden. Wenn
es aber geschieht, kann es in der Konsequenz das Ende der Gewerkschaften
bedeuten, denn die Menschen werden begreifen, dass sie ihre Mitgliedsbeiträge
für etwas zahlen, das sich nicht lohnt.
Die entscheidende Frage
wird sein, für welche Interessen die Gewerkschaftsvorstände
im Jahr 2002 gehandelt haben ... für eine sozialdemokratisch-grüne
Regierung, die weder sozial noch demokratisch oder gar basisdemokratisch
ist? Oder eher für reine Kapitalinteressen??? Oder sind die
Wahrnehmungen für soziale Gerechtigkeiten einfach anders, wenn
man in irgendwelchen Vorstandssesseln sitzt im Wissen um die eigenen
gesicherten Bezüge ?
Seit September 2002 liegt
mir ein Info-Blatt "ver.di beamtinnen und beamte - inform"
Ausgabe 09/02 vor. Darin werden "Leistungsstarke und kostengünstige
Angebote zur Altersvorsorge" angeboten. Könnt Ihr Euch
vorstellen, wie es einem Arbeitslosen zumute ist, wenn ihm die Bundesregierung
einen Altersvorsorgevertrag zum wiederholten Male wegnehmen will,
den sie ihm drei Jahre zuvor geradezu empfohlen hat? Das verstößt
doch gegen Treu und Glauben, was da abläuft - und derartigen
Vorgängen stimmen die Gewerkschaften zu und werben dennoch
mit leistungsstarken und kostengünstigen Angeboten zur Altersvorsorge?
Heute am 07.11.2002 erhielt
ich einen Rundbrief vom ver.di-Mitgliederservice mit einem Angebot
zur Sterbegeldversicherung mit der Anlage zweier Beitrittsformulare
zur Gruppensterbegeldversicherung, nachdem die Bundesregierung erklärte,
das Sterbegeld halbieren zu wollen. Als Arbeitsloser und ver.di-Mitglied
verstehe ich eine derartige Instinktlosigkeit nicht ... zynischer
geht`s nicht mehr.
Könnt Ihr Euch überhaupt
vorstellen, wie es einem Arbeitslosen und ver.di-Mitglied geht,
wenn er seit dem 07.08.2002 eben wegen der unsozialen Verordnungen
der Bundesregierung überhaupt keine Bezüge mehr erhält?
Wie hoch sind dagegen Eure monatlichen Bezüge, die aus den
Mitgliedsbeiträgen finanziert werden?
Wo seht Ihr als Gewerkschafter
Eure Wurzeln?
Mit kollegialen Grüßen
Hans-Günter
Osterkamp
Anlage: Zertifikat zum Weltspartag
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