Manche Leute im Anti-Hatz-Bündnis meinen, Kampf "gegen Arbeitszwang"
sei eine wesentliche Forderung in diesem Zusammenhang. Nachdem diese
Losung mehrfach von Teilnehmern deutlich kritisiert wurde, (schon
auf der letzten Sitzung 2002) wurde ein weiterer Artikel auf die Homepage
des Bündnisses gesetzt, der einen gehässigen polemischen
Ton anschlägt und die Position gegen diese Losung böswillig
verdreht. Deshalb sehe ich mich gezwungen, hier noch einmal ein paar
Punkte schriftlich klarzustellen. Aber eigentlich ist das nicht die
wesentliche Frage in diesem Zusammenhang.
Die Diskussion hatte sich unter anderem an einem Papier der Theorie-AG
"Thesen für eine interne inhaltliche Diskussion im Ant-Hartz-Bündnis
zum Thema Arbeitszwang" entzündet. (Anmerkung) Dort heißt
es z.B.:
"Arbeitszwang
bedeutet im Kapitalismus zunächst: zur Existenzsicherung dazu
gezwungen sein, sich auf dem Markt verkaufen zu müssen, in
der Regel mittels Erwerbsarbeit. Dieser Arbeitszwang ist um so geringer,
je mehr soziale Sicherungen (Arbeitnehmerrechte, Sozialeinkommen
wie Arbeitslosengeld, -hilfe, Sozialhilfe) erkämpft werden."
Ich hatte in
der Diskussion gesagt, daß allgemeiner Arbeitszwang eher ein
Merkmal klassenloser (bzw. danach strebender) Gesellschaften ist.
Dort wo diejenigen etwas zu sagen haben, die selbst arbeiten, ist
es natürlich ganz selbstverständlich, daß nicht
ein Teil sich von der Teilnahme an der gesellschaftlich notwendigen
Arbeit drückt, damit die anderen dann um so mehr arbeiten müssen.
Aber man wird natürlich auch, solange man das Quantum an Arbeit
pro Kopf nicht weit genug durch Rationalisierung reduzieren kann
und dann jeder dafür genügend Zeit hat, Menschen für
besondere Tätigkeiten, für Bildung, für Kunst und
Kultur usw. freistellen müssen.
Im Kapitalismus
besteht kein genereller Arbeitszwang (Marx prägte das Wort,
daß im Kapitalismus "die Überarbeitung der Einen
die Voraussetzung für den Müßiggang der Anderen"
ist) . Auch parasitäre Gesellschaftsschichten müssen in
der Regel nicht arbeiten, wer z.B. genug Vermögen, Aktienanteile
etc. hat, kann ungestört verprassen und es wächst evtl.
noch dabei. Die wesentlichen Produktionsmittel sind aber in der
Hand der besitzenden Klassen, so daß die Masse der Besitzlosen
ihre Arbeitskraft an diese verkaufen muß. (Soweit zum kleinen
1x1)
Die Kapitalisten
zwingen sogar einen Teil der Werktätigen zum Müßiggang,
denn eine industrielle Reservearmee ist grundsätzlich ein normaler
Bestandteil des Kapitalismus. Diese Reservearmee dient z.B. als
Lohndrücker für die Arbeitenden oder auch zum Ausgleich
von Konjunkturschwankungen.
Eine Zeit lang
gab es in der Bundesrepublik allerdings eine (fast-) Vollbeschäftigung,
was historisch eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Zunächst
aufgrund der Herausforderung durch ein hunderte Millionen umfassendes
sozialistisches Lager, das sogar einen Teil Deutschlands mit einschloß
(oder am Ende zumindest doch eine Staatengruppe, die dem propagierten
Anspruch nach eine gesellschaftliche Alternative aufrecht erhielt
und auch noch einige soziale Komponenten enthielt), sowie auch durch
das Entstehen neuer marxistischer Richtungen Ende der sechziger-
/Anfang der siebziger Jahre, war der Kapitalismus eine Zeit lang
zu großen Zugeständnissen bereit und versuchte tatsächlich
in Westdeutschland und West-Berlin eine gewisse soziale Befriedung
zu erreichen, wozu eben auch dieser hohe Beschäftigungsgrad
und eine gewisse soziale Absicherung gehörten. Gleichzeitig
wurde aber auch die materielle Stellung der Arbeiter hier durch
Verlagerung großer Teile der Industrie unterhöhlt. Und
auch als sich die Verhältnisse begannen zu ändern und
die Arbeitslosigkeit bereits anstieg, gab man zunächst noch
viel Geld dafür aus, die Betroffenen ruhig zu stellen, erhöhte
z.B. in den 80er Jahren die Bezugsdauer für Arbeitslosengeld,
versuchte die Älteren mit Abfederung in die Rente gleiten zu
lassen etc.
Dazu muß
man außerdem noch den historischen Hintergrund sehen, daß
Deutschland einmal eine wirklich starke revolutionäre Arbeiterbewegung
besessen hat, die den Herrschenden hier wirklich große Angst
eingeflößt hatte - und die Bourgeoisie hat, mehr als
die Arbeiter heute, ein historisches Bewußtsein und vergißt
das nicht. Die Sozialgesetzgebung ging in den Anfängen zu Bismarcks
Zeiten auf die Furcht vor dem Anwachsen dieser Bewegung zurück.
Der 8-Stunden-Tag, Tarifvertragssystem, Betriebsräte wurden
sogar genau in den revolutionären Zeiten nach dem 1.Weltkrieg
zuerst eingeführt, um den Arbeitern hier die angebliche Nicht-Notwendigkeit
der Revolution zu predigen, denn damals wäre die Arbeiterbewegung
wirklich stark genug gewesen, die Macht zu übernehmen, wenn
sie eine revolutionäre Führung gehabt hätte. Doch
die Führung der damals noch allgemein als die Partei der Arbeiter
angesehenen SPD hatte zugunsten von Posten und Etablierung in der
Gesellschaft für sich und ihren Apparat die revolutionäre
Zielsetzung zu einer leeren Phrase für den Sankt-Nimmerleinstag
werden lassen.
Aber in der
heutigen Lage, in dem Maße, wie heute die Herrschenden die
Bedrohung durch den Sozialismus und die Arbeiterbewegung als nicht
mehr so gefährlich ansehen - daran haben sie schließlich
auch Jahrzehnte gearbeitet - halten sie natürlich auch die
Zugeständnisse der Vergangenheit für nicht mehr notwendig.
Und da sie inzwischen den ungebremsten Manchesterkapitalismus über
die ganze übrige Welt verbreitet haben, verlangen auch die
Marktgesetze des Kapitalismus immer stärker eine Verschärfung
der Ausbeutung auch hier und den Abbau von Einrichtungen des sogenannten
"Sozialstaats".
Was für
die Verfasser der Papiere als Verstärkung des Arbeitszwanges
daherkommt, bedeutet evtl. in der Praxis tatsächlich die "Freisetzung"
von noch mehr Arbeitern, denn die Ersetzung von festen Beschäftigungsverhältnissen
durch Leiharbeit z.B. erlaubt es eher, die Arbeitskräfte nach
Bedarf anzufordern und auch wieder wegzuschicken und setzt die Beschäftigten
mehr unter Druck, verschärft die Ausbeutung. Die Arbeitslosen
spielen so in verstärktem Maße die ihnen zugedachte Rolle
der Reservearmee. (Das sieht auch das Thesenpapier).
Die Parole "Gegen
Arbeitszwang" wird aber den von Arbeitslosigkeit bedrohten
Arbeitern und Angestellten, wie den arbeitslos gewordenen wie ein
Hohn in den Ohren klingen. Auch den hunderten Millionen Proletariern
in der Welt, mit denen wir uns werden verbinden müssen, um
dauerhaft Wesentliches durchzusetzen, wird das fremd vorkommen.
Dies ist keine Forderung der Arbeiterbewegung, sondern vor allem
eine Forderung von Menschen, die sich dagegen wehren, in die Arbeiterklasse
herabgedrückt zu werden. Man sollte aber nicht vergessen, daß
alle die "sozialen Abfederungen" gerade aufgrund des Druckes
der arbeitenden Kollegen zustande kamen. Eine wirkliche Arbeiterbewegung
erhält doch ihre Durchschlagskraft gerade aus der Eigenschaft,
daß die Gesellschaft wesentlich von ihrer Arbeit lebt, was
ihr einen Machtfaktor verschafft, wenn sie sich organisiert, und
das trifft heute zumindest international für die Arbeiterklasse
zu. Im Kampf gegen die Umsetzung der Hartz-Konzepte sollte man sich
nicht ausgerechnet von der Arbeiterbewegung absetzen.
Und übrigens:
Die Kouponschneider und sonstigen Müßiggänger und
Angehörigen der höheren Bourgeoisie sehen die Hartz-Pläne
und die damit verbundene verschärfte Ausbeutung sogar mit Sicherheit
als ein Mittel an, daß ihr Müßiggang erhalten bleibt
und sie nicht noch gezwungen sind, zu arbeiten.
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Das Papier "Diskussion
zum Arbeitszwang" bzw. seine Verfasser kommt offenbar nicht
ohne Demagogie aus, wenn man sich mit den Thesen, die an die frühere
revolutionäre Arbeiterbewegung anknüpfen, auseinandersetzt.
Es heißt da:
"Es wäre
als politische Position des Bündnisses zu klären, ob wir
uns offensiv für Arbeitszwang stark machen und wenn ja, welche
Vorschläge wir für dessen Durchsetzung propagieren"
Zunächst
einmal ist die Ablehnung der Losung "gegen Arbeitszwang",
weil sie an kleinbürgerliche Ressentiments anknüpft, weil
man sich so eben nicht mit der Arbeiterbewegung zum gemeinsamen
Kampf verbindet, nicht gleichbedeutend mit dem aktiven Kampf zur
Durchsetzung des Arbeitszwanges in der heutigen Gesellschaft. Wie
man die Sache sehen sollte, ist eigentlich schon weiter oben dargestellt.
Wenn man für die Abschaffung von Ausbeutung ist, ist man damit
doch auch automatisch generell dagegen, daß Einzelne auf Kosten
der Arbeit Anderer leben (, denn das ist nur eine andere Ausdrucksweise
für Ausbeutung, es sei denn, es sind Kranke oder aus anderen
Notwendigkeiten Freigestellte). Hier möchte ich auch auf die
oft mißbrauchte Losung "Recht auf Faulheit" eingehen.
Paul Lafargue stellte diese Losung auf zu einer Zeit, als man vom
Arbeiter verlangte, daß er von früh bis spät arbeiten
müsse, und wenn er mal etwas Freizeit hatte, dann wurde das
gleich als übermäßige Faulheit und Müßiggang
von manchen Bourgeois bezeichnet. Dagegen setze er als provokative
Losung das "Recht auf Faulheit". Aber daß gesunde
und arbeitsfähige Menschen aus Faulheit von einer staatlichen
Pension leben sollen, das hat er sicher nicht damit gemeint.
Und schließlich
kommen wir noch zu einem anderen problematischen Kapitel. Es heißt
in den "Thesen":
"Je produktiver
und "reicher" eine Ökonomie ist, umso widersinniger
ist es, den Druck zur Erwerbsarbeit zu verschärfen. Denn dies
hat nur zur Konsequenz, dass immer mehr (als Arbeitskraft) "Überflüssige"
gegeneinander immer härter um immer miesere Jobs konkurrieren
(Unterbietungskonkurrenz)."
Hier haben wir
eine recht bedenkliche Argumentation, was den Verfassern möglicherweise
nicht klar ist. Ich habe sie in der Diskussion aufgefordert, diese
Position einmal gut zu durchdenken. Hier kommt eine gewisse Konfusion
zum Vorschein: "umso widersinniger ist es, den Druck zur Erwerbsarbeit
zu verschärfen" heißt es da. Widersinniger für
wen? Nicht wir verschärfen den Druck, miese Jobs anzunehmen.
Für diejenigen, die es durchsetzen, ist es eben nicht widersinnig,
denn sie wollen uns ja "in die miesen Jobs hineinpressen".
Glaubt der Verfasser etwa noch daran, daß diese Politiker
für "das Gemeinwohl" arbeiten? Diese Illusion sollte
er aber im eigenen Interesse ablegen. In der heutigen Gesellschaft
ist es gesetzmäßig, daß der immer größere
Reichtum auf der einen Seite die Verschärfung der Ausbeutung
auf der anderen Seite zur Voraussetzung hat.
Wenn der Verfasser
meint, daß die Herrschenden wegen des Reichtums dieses Landes
doch einem Teil der Bevölkerung einfach eine bescheidene Rente
zahlen könnten, weil dieses Land eine "reiche und produktive
Ökonomie" besitzt, dann ist das sehr bedenklich. Reich ist
dieses Land sicher und die Arbeiter hier arbeiten auch in der Regel
mit hoher Produktivität, aber ob eine Ökonomie, die viele
Millionen, weit mehr als nur diejenigen, die in der Arbeitslosenstatistik
auftauchen, zu Kostgängern der Sozialsysteme gemacht hat, insgesamt
so produktiv ist, kann mit Verlaub gesagt bezweifelt werden. Wenn
dieses Land trotzdem reich ist, dann hängt das auch mit der internationalen
Stellung dieses Landes zusammen, mit der internationalen Ausbeutung.
Wer seine Existenz an die Aufrechterhaltung der privilegierten Stellung
dieses Landes knüpft, der landet damit bei der Verteidigung der
heutigen Weltordnung. Dafür gaben die Kapitalisten eine Zeit
lang ein paar "Peanuts", solange sie es sich leisten konnten.
Aber die sich verschärfende Krise läßt sie heute diese
Gelder wieder in Frage stellen. Wie jemand mit solchen Zielsetzungen
überhaupt in dieser Gesellschaft wesentliche Veränderungen
erreichen soll, ist mir schleierhaft, denn das ist letztlich die Rebellion
auf den Knien.
N.B.: Zu dem Einwurf, der während der Diskussion kam, daß
in der DDR Menschen zur Arbeit gezwungen wurden und dann angeblich
nichts zu tun hatten und nur aus Prinzip nicht zu Hause bleiben konnten.
Wenn das so war, dann war das letztere aus meiner Sicht das Problem
dabei. Eine sozialistische Gesellschaft sollte voller Tatkraft an
die Schaffung der Voraussetzungen für die klassenlose Gesellschaft
gehen, ansonsten wird sie sich nicht halten, und das ist ja auch mit
der DDR passiert. Wenn die langfristigen Ziele der klassenlosen Gesellschaft
wirklich eine Sache der täglichen Praxis sind, dann gibt es mehr
als genug zu tun. Gleichzeitig muß die notwendige Arbeitszeit
immer weiter reduziert werden, weil man ja dahin kommen will, daß
"jede Köchin den Staat regieren kann". Das verträgt
sich allerdings nicht mit einer Pro-Forma-Vollbeschäftigung,
da wird nur eine Fassade aufrecht erhalten und man hat offenbar das
ursprüngliche Ziel der Sache aus den Augen verloren. Auch leistete
sich die DDR eine große Zahl von Menschen, die der Führung
nach dem Munde redeten und die SED-Mitgliedschaft oder irgendwelche
Posten als Weg zu einem bequemeren Leben ansahen. Nach der Wende wendeten
sich auch diese Leute innerhalb kürzester Frist.
Anmerkung: Die
Papiere sind:
1. "Thesen für eine interne inhaltliche Diskussion im
Ant-Hartz-Bündnis zum Thema Arbeitszwang" im Internet
zu finden unter: <http://webrelation.de/ah/theorie/doc/thesen.htm>
und
2. "Diskussion zum Arbeitszwang", im Internet zu finden
unter: <http://webrelation.de/ah/theorie/doc/thesen_kritik_1.htm>
Gerhard, 26.1.2003
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